Neue gesellschaftliche Bündnisse | Die Zukunft von Kulturpolitik ergibt sich aus der Gegenwart – und der Praxis | ifa Stuttgart

Die Zukunft von Kulturpolitik ergibt sich aus der Gegenwart – und der Praxis

Annika Hampel

  • Verantwortung
  • Förderung
  • Nachhaltigkeit
  • Handlungsempfehlungen
  • Vernetzung
  • Kooperation
  • Interkulturelle Kompetenz
  • Digitalisierung

Bilder werden in Ausstellungen überall auf der Welt gezeigt, Bücher in viele Sprachen übersetzt, die Baukunst ist ein globales Phänomen. Die Künste als kulturelle Ausdrucksformen von Gesellschaften sind international. Da Künste kultureller Ausdruck von Gesellschaften sind, ist Kulturpolitik Gesellschaftspolitik. Das heißt, Kultur spiegelt unseren gesellschaftlichen Zustand wider und reflektiert ihn kritisch. Gleichzeitig involviert Kulturarbeit eine Vielzahl von Akteurinnen und Akteuren unserer globalisierten Gesellschaft – im Idealfall. 

Mitte Juli 2019 trafen sich im Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) rund zwanzig Expertinnen und Experten spartenübergreifend aus der baden-württembergischen Kulturlandschaft, um über die internationale Verantwortung von Kulturpolitik in diesen herausfordernden und zugleich chancenreichen Zeiten zu sprechen. In diesem vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst initiierten Kulturdialog wurde schnell deutlich, dass sich die Kulturakteurinnen und -akteure derzeit in einem Spannungsfeld bewegen: Die heutige Internationalisierung von Kulturinstitutionen findet in einer Zeit statt, in der die Polarität zwischen Sich-Öffnen und Sich--Verschließen größer denn je ist. Einerseits erstarkt der Nationalismus, autokratische Regime nehmen zu, die Kunstfreiheit ist oder wird in vielen Ländern merklich eingeschränkt, andererseits ist die physische und virtuelle Mobilität von Personen grenzenlos (wenn auch nicht für alle), ist Deutschland Migrationsland und gewinnt dadurch neues Wissen sowie neue Perspektiven, die den Eurozentrismus aufbrechen, auch in der Kunst und Kultur.

 

Die Eingangsstatements der Kulturschaffenden und -förderer sowie die anschließende Diskussion machten deutlich, dass die Ausgestaltung und Förderung der Partnerschaften und die damit verbundene Nachhaltigkeit von künstlerischen Kooperationen im internationalen Kontext das zentrale Thema sind. Aus den Beschreibungen des Ist-Zustandes von Koproduktionen, Gastspielen, Festivals oder „Artists in Residence“-Programmen mit internationaler Beteiligung ergaben sich konkrete Handlungsempfehlungen für den künftigen Aufbau von stabiler Vernetzung der baden-württembergischen Kultureinrichtungen und -initiativen weltweit. Ausgehend von dem von mir eingeführten kulturpolitischen Begriff „Fair Cooperation“ 1 für internationale Kulturbeziehungen fasse ich die Vorschläge wie folgt zusammen:   

 

1. Partnerschaften müssen sich entfalten, sie können nicht verordnet werden. Das heißt, es muss in Plattformen – wie Workshops, Kongresse und Festivals – investiert werden, auf denen sich die Akteurinnen und Akteure durch die Präsentation ihrer Arbeiten kennenlernen können. Hierbei muss die begrenzte Mobilität von potenziellen Kooperierenden beachtet und erhöht werden, indem in Mobilität von Personen investiert wird, etwa durch Reisestipendien. 

 

2. Recherchereisen sind Pflicht einer jeden bi-nationalen Kooperation. Sie ermöglichen, die Partnerin oder den Partner im Alltags- und Arbeitskontext verstehen zu lernen. Kontextwissen zum politischen und sozialen Rahmen, in dem man sich bewegt, Kenntnisse über lokale Akteure und Infrastrukturen sowie interkulturelle Kompetenz müssen sich die Kooperierenden aneignen. Die Reisen beruhen auf Gegenseitigkeit und sie sind – sowohl finanziell als auch zeitlich – in das Kooperationsprojekt einzuplanen. Denn sie dienen dem Gelingen einer Kooperation. Auch der Kooperationsprozess, der Arbeitsprozess hinsichtlich eines Ergebnisses, sowie die Präsentation des Kooperationsergebnisses sollten beidseitig verortet sein 2, um dem anvisierten Dialog Rechnung zu tragen. Zudem können die Kooperationsergebnisse so in mehrere Gesellschaften im Sinne eines vertieften Fremd- und Selbstverstehens hineinwirken. 

 

3. Kooperation bedeutet im Idealfall, voneinander zu lernen und sich gemeinsam fortzuentwickeln. Wie Erfahrungen und Erkenntnisse, sprich: Resultate aus der Kooperation, in die jeweiligen Kontexte zur Anwendung überführt werden, muss dem Partner, der sich in dem spezifischen Kontext bewegt, überlassen sein. Häufig sind regionale Anpassungen vorzunehmen, damit Kooperationsresultate in unterschiedlichen Kontexten und deren lokalen Bedürfnissen angewandt werden und wirken können. Kontextorientierung ist eine Bedingung, um nicht in neokoloniale Strukturen – europäische Strategien und Konzepte zur Lösung von Herausforderungen für den Rest der Welt – zu verfallen. Diese „Übersetzung“ benötigt Arbeitszeit und damit finanzielle Ressourcen und gegebenenfalls auch „Übersetzer“ (siehe hierzu Punkt 9 und 10), die beide Kulturen und Kontexte, in denen sich die Partner bewegen, kennen und verstehen. Im Fall von Konflikten können externe Begleiter auch die Rolle des Moderators und Mediators übernehmen. 

 

4. Die Kooperationsarbeit besteht aus mehreren Phasen: die Vorbereitung, der Kooperationsprozess an sich und die Nachbereitung. Diese Phasen benötigen spezifische Zeitfenster. Die Ressource Zeit kostet Geld. Insbesondere bei der Vorbereitung von Kooperationen als Voraussetzung einer gelingenden Partnerschaft werden häufig Geld und Zeit eingespart. Das lässt Kooperationen scheitern. Zeitintervalle für prozessorientierte Kooperationsarbeit ermöglichen den beteiligten Akteurinnen und Akteuren hingegen Pausen zur Reflexion ihrer Zusammenarbeit und zur Bearbeitung anderer, über das Kooperationsprojekt hinaus fortlaufender Verpflichtungen. Das prozesshafte Vorgehen bedingt Wiedereinladungen, die finanziert werden müssen. Der Vorteil hierbei ist: Es etablieren sich vertrauensvolle und damit belastbare Beziehungen.  

 

5. Kooperationsarbeit bewegt sich zwischen Prozess- und Ergebnisorientierung. In Hinblick auf die begrenzten Ressourcen Zeit und Geld wird meistens das -Ergebnis fokussiert statt des Prozesses. Doch gute Prozesse, die den Dialog der Partner in ihrer Vielstimmigkeit begründen, sind die Grundlage für erfolgreiche Kooperationen und somit auch für gelungene Ergebnisse. Demnach ist die Zusammenarbeit während des Entstehungsprozesses mindestens genauso wichtig, wenn nicht sogar noch wichtiger als die Zusammenarbeit hinsichtlich des Ergebnisses. 

 

6. Finanzierungen von Kooperationen sind im internationalen Kulturaustausch häufig an Nationalitäten respektive Regionen, Sparten und Themen geknüpft. Eine offene und vor allem prozessorientierte Förderung würde der Kooperationsanbahnung und dem Kooperationsprozess in seiner Dynamik weitaus mehr entsprechen. 

 

7. Eine Kultur des Experimentierens mit der Option, auch scheitern zu können, ist wichtig für internationale Kooperationen in den Künsten und muss durch eine schrittweise Förderung zugelassen werden. Akteurinnen und Akteuren wird zu Beginn der Zusammenarbeit ein geringer Geldbetrag – ‚seed money‘ bzw. Wagniskapital – zugesprochen (in der Regel einige Tausend Euro), um ihre Kooperationsidee zu erproben. Nach dieser Phase entscheiden die Kooperierenden gemeinsam mit ihren Förderern, ob die Weiterführung der Partnerschaft sinnvoll ist oder nicht. 

 

8. Internationale Kooperationen sind oftmals projektbasiert, sprich: Sie lassen Kontinuität vermissen. Um Kooperationsarbeit zukünftig nachhaltiger wirken zu lassen, geht es folglich darum, dass die Partner die Resultate ihrer Zusammenarbeit in ihre jeweiligen Kontexte tragen (siehe Punkt 2). Dieser kontextorientierte Transfer des Kooperationsresultates – ob Prozess oder Ergebnis – als elementarer Bestandteil der gemeinsamen Arbeit erfordert finanzielle und zeitliche Ressourcen, wenn die Kooperationsarbeiten in ihre Eigenständigkeit und Unabhängigkeit überführt werden sollen. Aus Kooperationsarbeit kann dann ein stabiles und langfristiges weltweites Netzwerk entstehen. 

 

9. Eine beständige Reflexion des Kooperationsprozesses ermöglicht den beteiligten Akteurinnen und Akteuren, fortlaufend auf die Qualität ihrer Zusammenarbeit zu achten und sie über den gesamten Zeitraum der Kooperation hinweg zu entwickeln. Damit wird das Leistungsvermögen der Partnerschaft gestärkt, welches als Basis für eine erfolgreiche Zusammenarbeit gilt. Die Erfahrungen aus internationaler Kooperationsarbeit inklusive ihrer Fehl-- und Rückschläge können nutzbringend für die zukünftige Planung und Realisierung von weltweiten Kooperationen sein. Deshalb ist es wichtig, diese wertvollen Erkenntnisse zu sammeln. Auf Plattformen wie Workshops können die Kooperierenden ihre Erkenntnisse aus interkulturellen Kooperationen teilen und austauschen sowie ihre Zusammenarbeit analysieren und diskutieren (wie am 15. Juli 2019 im Rahmen des Kulturdialogs des Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst im ifa). Die (selbst-)kritische Reflexion der Kooperationsprojekte setzt voraus, dass die beteiligten Akteurinnen und Akteure keine Sanktionen befürchten müssen, etwa indem ihre Förderanträge abgelehnt werden. 

 

10. Die Finanzierungsstruktur ist die hauptsächliche Problematik in vielen Kulturbeziehungen zwischen ‚Nord‘ und ‚Süd‘: Die Dominanz des Partners aus dem ‚Globalen Norden‘ gegenüber seinem Partner aus Afrika, Lateinamerika oder Asien ist nach wie vor existent. Ursprung hierfür ist der ungleichgewichtige Ressourceneinsatz. Der Partner aus dem ‚Globalen Norden‘ bringt häufig den Großteil der finanziellen Ressourcen in die Kooperation ein. Das erzeugt eine Hierarchisierung der Akteurinnen und Akteure und damit Machtverhältnisse. Die Gleichberechtigung unter den Partnern wäre hergestellt, wenn alle einen gleich hohen Geldbetrag in die Partnerschaft investieren. Partner aus Afrika, Asien und Lateinamerika verfügen aber (noch) nicht über die entsprechenden finanziellen Förderstrukturen. Eine kontinuierliche Debatte über die Grenzen von Gleichstellung und Gleichberechtigung der Partner ist der erste Schritt hin zu einer fairen Kooperation. Ein zweiter Schritt ist, die Verwaltung und Kontrolle der Finanzen – unabhängig von ihrer Quelle – auf alle beteiligten Akteurinnen und Akteure gleichmäßig zu verteilen. Die gemeinsame Verantwortung für die Verwendung der Gelder macht die Kooperation fairer. Dazu müssten die Förderer ihre Finanzierungsregulierungen erneuern und anpassen. 

 

Kulturinstitute auf Landes- und Kommunalebene sind zudem oftmals begrenzt in ihrer Kapazität bei der Organisation und Durchführung von internationaler Kulturarbeit. Es bestehen eine Vielzahl von bürokratischen Hürden wie die Beantragung von Fördergeldern im Dschungel der diversifizierten Förderstrukturen und die Bewilligung von Visa unter restriktiven politischen Vergaberegulierungen. 

Konkrete Handlungsempfehlungen der Expertenrunde waren hier: erstens, die Etablierung einer Koordinierungsstelle für internationale Kulturarbeit zur Unterstützung der Kultureinrichtungen sowie zweitens, die bessere Vernetzung zwischen potenziellen Geldgebern inklusive transparenter Fördervergaberichtlinien, die sich im Idealfall ergänzen, auch durch eine Verknüpfung von Fördermöglichkeiten auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene.

 

Eine weitere konkrete Handlungsempfehlung für die zukünftige Ausgestaltung und Förderung von Kunst und Kultur international in Baden-Württemberg, die aus der Expertenrunde folgte, war, die Digitalisierung der Gesellschaft auch für die internationale Kultur-arbeit nutzbar zu machen, zum Beispiel in Form eines zu etablierenden Online-Netzwerkes zu Kunst und Kultur international und interkulturell in Baden-Württemberg.

„Es wird niemand ärmer, sondern alle reicher“, so Ministerin Theresia Bauer, als im Frühjahr 2019 die Familienbibel und die Peitsche des Nama-Anführers Hendrik Witbooi aus dem Linden-Museum in Namibia zurückgegeben wurden. Auch in der aktuellen Restitutionsdebatte, nicht nur in Baden-Württemberg, sondern in ganz Europa und auf dem afrikanischen Kontinent, geht es darum, gegenwärtige Partnerschaft so zu gestalten, dass die Aufarbeitung der gemeinsamen kolonialen Vergangenheit bzw. Geschichte in eine tragbare Zukunft führt – für beide Seiten. Gerade an dieser ersten Restitution von Kulturgütern des Landes Baden--Württemberg ist deutlich geworden, wie überaus voraussetzungsvoll Austausch und Dialog mit Partnern aus dem ‚Globalen Süden‘ sein können, insbesondere unter Berücksichtigung historischer Verflechtungen und dem Bestreben, sich damit auseinanderzusetzen. Letztendlich geht es darum, ethisch--moralische Verantwortung in unseren internationalen Beziehungen bestmöglich zu übernehmen. Dafür steht die Namibia-Initiative des Landes Baden-Württemberg. Sie zielt darauf ab, mehrere wissenschaftliche und kulturelle Kooperationsprojekte zwischen namibischen und baden-württembergischen Partnern zu etablieren. 

Nach vier Stunden lebhafter Diskussion beim Expertengespräch des „Forums: Neue gesellschaftliche Bündnisse“ schloss Staatssekretärin Petra Olschowski die Runde mit der Frage, wie viele der eingeladenen Expertinnen und Experten im Raum einen nichtdeutschen Hintergrund haben. Es waren drei von fast dreißig Personen. Auch daraus lässt sich eine konkrete Handlungsempfehlung für die Zukunft der Kulturpolitik in Baden-Württemberg entwickeln: Die Kulturinstitutionen müssen in ihrer eigenen Personalstruktur diverser werden, um gesellschaftlich überzeugen und wirken zu können. Diese Vielfalt, sowohl auf Seiten der Institute als auch auf Seiten des Publikums, bedingt neue Tätigkeitsprofile wie Kulturvermittler, die Brücken zwischen den Perspektiven erbauen. 

Der Austausch zwischen Vertreterinnen und Vertretern der Politik sowie den Kunstschaffenden und Kulturmanagerinnen und -managern aus Baden-Württemberg hat auch gezeigt, dass ein großer Bedarf besteht, im Gespräch zu bleiben. Als Kulturwissenschaftlerin würde ich sogar einen Schritt weitergehen: Die Strukturen und Prozesse, die sich hinsichtlich internationaler Begegnungen in Kultur und Kunst in Baden-Württemberg etablieren, sind es wert, erforscht respektive wissenschaftlich begleitet zu werden, wie es beispielsweise das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) in Stuttgart in seinem Forschungsprogramm „Kultur und Außenpolitik“ und das Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim in seinen studentischen Abschlussarbeiten erfolgreich zeigen.

 

 

Im Rahmen des „Forums: Neue gesellschaftliche Bündnisse“ traf sich Staatssekretärin Petra Olschowski am 15. Juli 2019 mit Expertinnen und Experten zum Fachgespräch „Kulturdialog im internationalen Kontext. Internationale Verantwortung und Partnerschaften“ im Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) in Stuttgart. Als Kulturwissenschaftlerin und Geschäftsführerin des Afrika-Zentrums für Transregionale Forschung war Dr. Annika Hampel von der Universität Freiburg mit dabei.

 

[1] Vgl. Hampel, Annika: Fair Cooperation. A New Paradigm for Cultural Diplomacy and Arts Management, Brüssel 2017. Ausgangspunkt Fair Cooperation ist Missverhältnis  Anspruch Wirklichkeit hinsichtlich internationaler Kooperationen in . In Deutschland wird der Auswärtigen Kulturpolitik den ­förderinstitutionen ein „Dialog auf Augenhöhe“ zwischen den Partnern des ­„Globalen Südens“ des „Globalen Nordens“ gefordert. In der Praxis hingegen entwickeln diese Kooperationen nach wie vor häufig asymmetrische Strukturen damit Machtverhältnisse. Leitmotiv  Fair Cooperation ermöglicht, faire Strukturen Prozesse im internationalen Kulturaustausch zu etablieren. Diese Haltung muss Eingang in die Kulturbeziehungen zwischen dem „Globalen Norden“ dem „Globalen Süden“ finden, sonst geht die der UNESCO geforderte Vielfalt verloren.


[2] heißt, die Präsentation des Ergebnisses der künstlerischen ­ wie eine Musik-Performance, ein Theaterstück etc. sollte sowohl in Baden-Württemberg als auch im Gastland erfolgen.

Dr. Annika Hampel ist Kulturwissenschaftlerin und Geschäftsführerin des sich im Aufbau befindenden Afrika-Zentrums für Transregionale Forschung an der Universität Freiburg sowie wissenschaftliche Koordinatorin für die Universität Ghana in Accra, die Universität Freiburg und weitere europäische und afrikanische Partner und Förderer, die das Maria Sibylla Merian Institute for Advanced Studies in Africa (MIASA) – ein Forschungskolleg für Geistes- und Sozialwissenschaften an der Universität Ghana – etablieren und gestalten.