Strategien der Transformation | Chancen und Notwendigkeiten der Transformation. | Staatsgalerie Stuttgart

Chancen und Notwendigkeiten der Transformation.

Reinhold Popp

  • Diversität
  • Demografischer Wandel
  • Publikum von morgen
  • Publikumsforschung
  • Transformation
  • Ländliche Räume
  • Kulturbegriff
  • Senioren
  • Digitalisierung
  • Verantwortung
  • Humanität
  • Kooperation
  • Tradition / Kulturelles Erbe

Chancen und Notwendigkeiten der Transformation. Selbstverortung und Selbstverständnis von Kultureinrichtungen angesichts gesellschaftlicher Entwicklungen

 

 

Sehr geehrte Damen und Herren! Danke für die Einladung zum heutigen Vortrag, der wunschgemäß etwa 45 Minuten dauern wird. Von Mark Twain stammt der schöne Satz „Natürlich interessiert mich die Zukunft. Ich will doch schließlich den Rest des Lebens in ihr verbringen.“  Hoffentlich geht es Ihnen auch so.

Bevor ich zum konkreten Thema des heutigen Vortrags komme, möchte ich gerne einige kurze und klärende Anmerkungen zur Zukunftsforschung machen.

 

 


Zukunftsforschung und die Tricks der Trendgurus

Die meisten Menschen kennen die Zukunftsforschung leider nicht von den Studien der Zukunftswissenschaftler, sondern von den in den Medien höchst aktiven Trend-Gurus. Diese Gurus bezeichnen sich selbst häufig als „Forscher“, obwohl sie faktisch nur Trittbrettfahrer der ernsthaften zukunftsbezogenen Forschung sind. Genauer betrachtet sind diese so genannten Trendforscher eigentlich nur Trendsetter. Sie präsentieren nämlich die von ihren jeweiligen Auftraggebern gewünschten Zukunftsentwicklungen als unvermeidliche und alternativlose „Megatrends“. Im wissenschaftlichen Typus der zukunftsbezogenen Forschung spielt die von den Trendgurus so gerne kolportierte Alternativlosigkeit zukunftsbezogener Entwicklungen keine nennenswerte Rolle.1

Vorausschauende Forscherinnen und Forscher sprechen übrigens statt vom Singular „Zukunft“ lieber von „Zukünften“. Dieser Plural ist zwar in der deutschen Sprache sehr ungewöhnlich, ist aber in der englischen Sprache durchaus üblich. In diesem Sinne wird die vorausschauende Forschung meist als „Futures Research“ bezeichnet. Denn bei wissenschaftlichen Betrachtung von zukunftsrelevanten Wandlungsprozessen wird rasch klar,

  • - dass alle wichtigen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen von einer komplexen Vielzahl von Faktoren beeinflusst werden,
  • - dass es zu fast jedem Trend auch mehrere Gegentrends gibt,
  • - dass Trendbrüche und Trendverschiebungen viel häufiger vorkommen als lineare Entwicklungen
  • - und dass die Zukunft eben nicht alternativlos auf uns zukommt, sondern von aktiven Individuen und von engagierten Interessengruppen gestaltbar ist.

Dies gilt selbstverständlich auch für die Zukunft der kulturellen Transformation.

  

 


In einer vielfältigen Gesellschaft muss es auch kulturelle Vielfalt geben

Kultur hat bekanntlich viele Gesichter. Der Konsum der massenmedialen TV-Kultur beansprucht im gesamtem Lebenslauf mehr Zeit als die berufliche Arbeit, Volksfeste kommen nicht aus der Mode, Fernsehshows mit volkstümlicher Musik erreichen gigantische Einschaltquoten, Stars sowohl der klassischen Musik als auch der Rock- und Pop-Szene füllen Fußballstadien, Spitzenorchester begeistern auf Kreuzfahrtschiffen, das Musical erfreut sich einer ähnlich großen Beliebtheit wie früher die Operette, Museen sprechen dank besserer Ausstellungsdidaktik neue Zielgruppen an und die Leuchttürme der europäischen Festspielszene leiden keineswegs unter dem häufig prognostizierten Verlust ihrer illustren Gäste. Übrigens reißen auch die seit Jahrzehnten hitzig geführten Diskussionen über das Spannungsverhältnis zwischen einem klassischen Kulturbegriff und einem breiteren Kulturverständnis nicht ab. Ebenso sind die Probleme der Standortpolitik im Hinblick auf die kulturelle Angebotsstruktur einerseits in den Städten und andererseits im ländlichen Raum kulturpolitische Dauerbrenner. Im Zusammenhang mit der Frage nach den Standorten kultureller Angebote sollten wir übrigens hinreichend beachten, dass sich unsere Wohnbereiche immer stärker in Richtung multimedial aufgerüsteter privater High-Tech-Kulturstätten entwickeln.

 

 


Zur Vielfalt der kulturellen Angebote passt auch die Vielfalt der kulturellen Bedürfnisse

„Diversity“ ist nicht nur ein wichtiges Konzept für die zukunftsfähige Gestaltung der Arbeitswelt, sondern auch für die bunte Vielfalt der Bedürfnisse im Bereich der kulturellen Angebotsstruktur. Dabei geht es u. a. um die Differenzierung nach demografischen Kriterien wie etwa Alter, Lebensphasen, Beziehungsstatus, Geschlecht, sozialer Herkunft, Bildungshöhe oder Einkommen. (Eine modifizierte – allerdings auch extrem komplizierte – Variante der Beschreibung von Bevölkerungsgruppen besteht in Form des Sinus-Konzepts, das die Bevölkerung in jeweils lebensstiltypische Milieus unterteilt.)

Beim Blick auf die Spezifika dieser unterschiedlichen Akteur-Gruppen erlangte die Betrachtung des so genannten demografischen Wandels in den vergangenen Jahren eine erhebliche Bedeutung. Deshalb wurde ich von den Veranstaltern der heutigen Tagung gebeten, den Schwerpunkt meines Vortrags auf diese Thematik zu legen.

 

 


Drei Faktoren des demografischen Wandels

Für die demografische Entwicklung einer Bevölkerung gibt es eigentlich nur drei Einflussfaktoren: Erstens GEBURT, zweitens TOD, drittens MIGRATION, also sowohl Zuwanderung als auch Abwanderung.

 

 


Demografie & wachsender Zeitwohlstand

Zukünftig wächst die Lebenserwartung kontinuierlich weiter, sodass viele heuer geborene Kinder noch einige Geburtstage zu Beginn des 22. Jahrhunderts feiern werden. Heute dauert ein Menschenleben in Deutschland rund 720.000 Stunden. Zukünftig steigt die durchschnittliche Lebenswartung voraussichtlich um rund 2 ½ Monate pro Jahr. In den nächsten 20 Jahren wächst also die statistische Lebenserwartung eines bzw. einer Durchschnittsdeutschen um rund 4 Jahre. Übrigens verwenden wir – selbst im Falle einer Vollzeitarbeit bis 65 – nur rund 10 Prozent unserer gesamten Lebenszeit für die berufliche Arbeit! Dieser Anteil der Berufszeit an der Lebenszeit wird sich auch zukünftig nicht wesentlich ändern. Denn das Ausmaß der Lebensarbeitszeit wird zwar leicht steigen, aber die Lebenserwartung steigt noch rascher. Auch zukünftig werden wir mindestens 90 Prozent unserer Lebenszeit außerhalb des Berufs gestalten. Es bleibt also viel freie Zeit für die Befriedigung der vielfältigen persönlichen Bedürfnisse – auch für die Nutzung von Kulturangeboten.

Dieses außerordentlich erfreuliche Wachstum des Zeitwohlstands im letzten Viertel des Lebens sollten wir übrigens nicht durch die Verwendung des Kampfbegriffs „Überalterung“ denunzieren. Denn das Wörtchen „über“ suggeriert, dass hier eine quasi natürliche Norm überschritten werde, dass es von einem Teil der Bevölkerung – nämlich von den Alten – zu viele gäbe, und dass diese überzählige Bevölkerungsgruppe den jüngeren Rest der Bevölkerung über Gebühr belaste. Erstaunlicherweise kennt unsere Alltagssprache keinen vergleichbaren Begriff für die von niederen Geburtenraten geprägte demografische Entwicklung im ersten Viertel des Lebens; wie wäre es mit „Unterjüngung“. Ebenso werden für die demografische Lage in den meisten Ländern der Welt die eigentlich zutreffenden Begriffe „Überjüngung“ und „Unteralterung“ nicht verwendet. Zukünftig sollten wir also den Begriff „Überalterung“ aus unserem Sprachgebrauch eliminieren und stattdessen lieber von „wachsendem Zeitwohlstand“ sprechen! Denn der Menschheitstraum vom langen und qualitätsvollen Leben wird zunehmend zur Realität. Obwohl dies eigentlich ein guter Grund für große Freude wäre, überwiegen allem Anschein nach die Zukunftsängste.

 

 


Demografie & wenig Nachwuchs

Die demografische Zukunft Deutschlands wird auch von einer weiteren Entwicklung geprägt, nämlich von dem Trend zu weniger Kindern. Denn in Deutschland leben nur in 29 Prozent der rund 40 Millionen Haushalte auch Kinder. In 71 Prozent der Haushalte leben entweder zwei oder mehrere Personen ohne Kinder oder Singles. Tendenz weiter steigend. Auch zukünftig ist ein neuer Babyboom – wie in den 1950er und 1960er Jahren – nicht zu erwarten.

 

 


Demografie & Rentner als Trendsetter

In zwei Jahrzehnten werden in Deutschland mehr über 60-Jährige leben als unter 40-Jährige. In diesem Zusammenhang werden Rentner zunehmend zu Trendsettern. Das Konsumverhalten dieser Generation wird ein dominanter Faktor der Wirtschaftswelt sein und das Wählerpotenzial der Seniorinnen und Senioren wird die Gestaltung der Politik stärker beeinflussen als je zuvor. Denn ohne die Stimmen der älteren und alten Bürgerinnen bzw. Bürger kann zukünftig keine politische Partei eine Wahl gewinnen und auch die kulturellen Angebote müssen die Bedürfnisse der älteren Menschen hinreichend berücksichtigen.

 

 


Demografischer Wandel & Generationenkonflikte

In manchen Medien und an den manchen Stammtischen wird immer wieder behauptet, dass zukünftig ein „Krieg zwischen den Generationen“ drohe; auf der einen Seite der Konfliktlinie die anscheinend egoistischen und finanziell privilegierten Alten, auf der anderen Seite die anscheinend von späterer Altersarmut bedrohten sowie unter der Last der Rentenzahlungen und der steigenden Pflegekosten stöhnenden jüngeren Generationen. Besonders drastisch wurden derartige Horrorvisionen in dem 2011 im ZDF ausgestrahlten Fernsehfilm mit dem reißerischen Titel „2030 – Aufstand der Jungen“ ausgemalt. Die Ergebnisse einer vor kurzem von einem deutschen Kollegen und mir durchgeführten repräsentativen Befragung der Deutschen bestätigen allerdings derartig negative Prognosen keineswegs: So stimmen etwa nur neun Prozent der Deutschen der Aussage zu, dass die Alten auf Kosten der Jungen leben. Nur sieben Prozent der Deutschen meinen, dass viele Alte die Erbschaft ihrer Kinder und Enkel verprassen. Die sehr große Mehrheit der Deutschen glaubt also keineswegs daran, dass sich die älteren Mitbürger auf einem brutalen Ego-Trip ohne Rücksicht auf Verluste der Jüngeren befinden. Ganz im Gegenteil! Beachtliche 34 Prozent der Deutschen animieren die Senioren sogar zu weniger Altruismus: „Die Alten sollten mehr ihr eigenes Leben genießen und weniger für die Jungen sparen.“ Insgesamt halten nur sieben Prozent der Deutschen einen Konflikt zwischen Jung und Alt für ein nennenswertes Zukunftsproblem. Auf einen Krieg der Generationen deutet also nichts hin!

 

 


Demografie & Migration

Auch zukünftig wird die Anzahl der aus Deutschland abwandernden Menschen deutlich niedriger sein als die Zahl der Zuwanderer. Deutschland bleibt also auch in Zukunft ein Einwanderungsland und der Anteil der ausländischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wird in den kommenden Jahren und Jahrzehnten um einige Prozentpunkte steigen. Dabei geht es allerdings nicht nur um die zwar quantitativ sehr überschaubare, aber in der öffentlichen Diskussion dominante humanitäre Migration, die selbstverständlich auch in der Zukunft aus menschenrechtlichen Gründen unverzichtbar ist. Mindestens so wichtig ist die für den Lebensstandard und die Lebensqualität in Deutschland unverzichtbare Arbeitsmigration. Selbstverständlich sollten die kulturellen Bedürfnisse dieser – freilich ebenso sehr heterogenen – Zielgruppe bei der zukünftigen Gestaltung der kulturellen Infrastruktur eine angemessene Rolle spielen.

 

 


Demografie & der Trend zum Leben in Städten

Ein – auch für die kulturelle Infrastruktur – durchaus bedeutsamer Aspekt des demografischen Wandels besteht übrigens in der Frage, wo die Menschen zukünftig wohnen werden. Dieses Thema kann ich allerdings heute aus Zeitgründen nicht vertiefen. Deshalb will ich nur kurz darauf hinweisen, dass es in der gesamten EU – und auch in Deutschland – einen deutlichen Trend zum Leben in Städten gibt. Bereits heute leben in der EU nur mehr rund 30 Prozent der Menschen im ländlichen Raum und etwa 70 Prozent in Städten. Diese Tendenz gilt allerdings vor allem für größere Städte bzw. urbane Metropol-Regionen, während kleinere Städte und ländliche Gebiete an Einwohnern verlieren.

 

 


Demografischer Wandel – und die Vielfalt der Generationen        

Im Zusammenhang mit der altersspezifischen Differenzierung der Bedürfnisse und Sichtweisen hat sich die Unterscheidung von 6 Altersgruppen bzw. Generationen eingebürgert. Allerdings gibt es in der einschlägigen Literatur keine einheitliche Zuordnung von Geburtsjahrgängen zu den jeweiligen Generationen. Ich selbst wende die folgenden Alterskriterien an:

  • - Kriegs- und Nachkriegsgeneration: früher als 1952 geboren      
  • - Generation Babyboomer: zwischen 1952 und 1965 geboren
  • - Generation X: zwischen 1966 und 1979 geboren
  • - Generation Y: zwischen 1980 und 1995 geboren
  • - Generation Z: zwischen 1996 und 2010 geboren
  • - Generation ? (eventuell „A“): ab 2011 geboren.

 

 


Was das Generationenkonzept leisten kann – und was nicht

Die im folgenden Teil des Vortrags angesprochenen typisierenden Beschreibungen von „Generationen“, wie etwa Baby Boomer, Generation X, Y oder Z, nur eine grobe Orientierung liefern. Denn offensichtlich gibt es bei den Mitgliedern jeder Altersgruppe bzw. Generation zwar manche Gemeinsamkeiten, aber die Prägungen durch die individuellen Einflussfaktoren wie Bildung, familiäre Herkunft oder Einkommen sorgen innerhalb jeder Generation auch für viele Unterschiede. Deshalb sollte allzu umstandslose Verallgemeinerungen des Generationenkonzepts vermieden werden. 

 

 


Anmerkungen zu sechs Generationen

Unter Berücksichtigung dieser wichtigen Einschränkung werde ich in den nächsten Minuten einige Anmerkungen zu den für das zukünftige gesellschaftliche und kulturelle Leben relevanten Generationen machen.

Die Kriegs- und Nachkriegs-Generation ist zwar in der Arbeitswelt der der nächsten Jahre nur mehr in seltenen Ausnahmefällen präsent, spielt jedoch in der gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung der nächsten ein bis zwei Jahrzehnte noch eine gewisse Rolle. Die vor 1946 geborenen älteren Mitglieder dieser Generation kennen den Auf- und Abstieg des Nationalsozialismus und die Schrecken des Zweiten Weltkriegs nicht nur aus Erzählungen, sondern aus eigener Erfahrung. Die meisten noch lebenden älteren Mitglieder dieser Generation verbrachten ihre Kindheit und Jugend unter den entbehrungsreichen Bedingungen dieses Krieges. In dieser Bevölkerungsgruppe, die gegenwärtig 73 Jahre und älter ist, dominieren im Hinblick auf Arbeitsethos, familiäre Beziehungen, Erziehung und Bildung sowie auf das Kulturverständnis traditionsgebundene Sichtweisen.      

Für die in den Nachkriegsjahren von 1946 bis 1951 geborenen jüngeren Mitglieder dieser Generation treffen viele Merkmale der im folgenden Punkt skizzierten Babyboomer zu. Sowohl für die Kriegs- und Nachkriegsgeneration als auch für einen Teil der Babyboomer gibt es übrigens ein altersspezifisches Zukunftsproblem im Bereich der Anpassung an die immer kürzer werdenden Innovationszyklen im Bereich der digitalen Technik. Bereits heute ist die digitale Spaltung zwischen Jung und Alt in einem beachtlichen Ausmaß ausgeprägt. Dabei geht es keineswegs nur um das Herunterladen von Spielen und Musik, um die Beteiligung an Facebook und Twitter oder um elektronische Varianten der Partnervermittlung, also um eLove. Darauf könnten viele Menschen ohne nennenswerten Verlust an Lebensqualität problemlos verzichten. Vielmehr geht es um so wichtige, ja existenzielle Fragen wie die Teilnahme an eBanking, eCommerce und eGovernment sowie um eine immer stärkere Digitalisierung aller Lebensbereiche – einschließlich der elektronischen Kulturangebote. Zukünftig wird es immer schwieriger, offline zu leben – auch im Bereich der kulturellen Infrastruktur! In dieser digitalisierten Welt haben die Jungen jedenfalls die Nase vorn!

Generation Babyboomer: Die wachsende Wirtschaft und der damit verbundene steigende Wohlstand führten ab 1952 bis zu einem regelrechten Baby-Boom, der ab dem so genannten Pillenknick, also ab 1965, langsam ausklang. Die häufig noch sehr strenge Erziehung, die diese Altersgruppe in der Kinder- und Jugendzeit erlebte, wurde durch die Ideen der 68er-Bewegung zumindest ansatzweise in Frage gestellt. Dies gilt sinngemäß auch für die Relativierung der früher strikt definierten Gender-Rollen sowie für die starke Veränderung der kulturellen Ausdrucksformen. Die in der kurzen historischen Phase von 1965 bis 1975 in den prägenden jungen Jahren dieser Generation dominierende Verklärung der Jugend drückte sich besonders deutlich in dem 1965 produzierten Song „My Generation“ der britischen Rockgruppe „The Who“ aus. Der Schlüsselsatz dieses Liedes lautete: „I hope I die, before I get old.“ Dank der kontinuierlich gewachsenen Lebenserwartung ging dieser Wunsch für den größten Teil dieser jugendbewegten Generation bisher glücklicherweise nicht in Erfüllung.

Die älteren Mitglieder dieser Generation erlebten eine viele Jahrzehnte andauernde Friedensphase und werden noch einige Jahre lang ihre nachberufliche Lebensphase genießen. Der überwiegende Teil der Babyboomer wird jedoch in den kommenden Jahren noch berufstätig sein. Viele Führungsfunktionen in den Unternehmen sowie im öffentlichen Dienst liegen in den Händen dieser Generation. In diesem Zusammenhang müssen die Babyboomer in kurzfristiger Zukunft die Herausforderung einer produktiven und sozial verträglichen Übergabe der Verantwortung an die nächste Generation bewältigen. Im Hinblick auf das Kulturverständnis ist die Babyboomer-Generation gespalten. Der höher gebildete Teil dieser Altersgruppe vertritt überwiegend ein weites Kulturverständnis, während der weniger gut gebildete Teil ein ähnlich enges Kulturverständnis vertritt wie der überwiegende Teil der Kriegs- und Nachkriegsgeneration.

Generation X, also die Geburtsjahrgänge 1966 bis 1979: Die Bezeichnung „Generation X“ geht auf den Titel eines Romans von Douglas Coupland aus dem Jahre 1991 zurück. (Coupland meinte mit diesem Begriff allerdings – abweichend von der heute üblichen und auch von mir praktizierten Zuordnung der Geburtsjahrgänge – die in den ausklingenden 1950er und in den 1960er Jahren geborenen Menschen.) Die gemeinsamen Kindheits- und Jugend-Erfahrungen der Generation X bestehen darin, dass sich die Dynamik des Wirtschaftswunders der 1950er und 1960er Jahre und des damit verbundenen ökonomischen und gesellschaftlichen Aufbruchs deutlich verlangsamte. Außerdem verblassten die in der vorhergehenden Generation für viele Menschen sehr einflussreichen Ziele der Liberalisierung aller Lebensbereiche – einschließlich der kulturellen Ausdrucksformen. Diese Ernüchterung führte zu einer skeptischeren Grundhaltung und zu einem geringeren Zukunftsoptimismus sowie zu einem tendenziellen Rückzug ins Private. In der nahen und mittelfristigen Zukunft werden Persönlichkeiten aus der Generation X die Führungsrollen sowohl in der Wirtschafts- und Arbeitswelt als auch in der Politik übernehmen. Mit ihrer pragmatischen Logik der kleinen Schritte werden sie einerseits manche grandiose Idee der Babyboomer auf das kurzfristig Machbare zurückschrauben und andererseits den sozial-ökologischen Optimismus der nachfolgenden Generation Y etwas einbremsen. Im produktiven Zusammenspiel zwischen dem Idealismus und den Selbstverwirklichungsansprüchen der Vorgänger- und Nachfolger-Generationen neigt die Generation X mit ihrem skeptischen Realismus dazu, die innovativen Ansprüche der Jüngeren und der Älteren einem permanenten Machbarkeitstest zu unterziehen. Wenn diese Skepsis übertrieben wird, könnte dies zu einer Verlangsamung wichtiger Innovationsdynamiken in allen Lebensbereichen führen. In dieser Generation dominiert ein weites Kulturverständnis, wobei innovative und experimentelle Kulturangebote auf ein eher geringes Interesse stoßen.

Die Mitglieder der Generation Y, also jene Menschen, die in Jahren vom 1980 bis 1995 geboren wurden, sind seit ihren jungen Jahren mit den neuen Medien aufgewachsen. Sie halten die Digitalisierung des Arbeits-, Freizeit- und Kulturlebens für ein selbstverständliches und unverzichtbares Merkmal der Gegenwart und der Zukunft. Die Jugendphase dieser Bevölkerungsgruppe war vom dynamischen Auf- und Ausbau vielfältiger Bildungsangebote geprägt. Lebenslange Bildung gilt in dieser Generation als wichtige Voraussetzung für ein qualitätsvolles Leben. Ebenso hat eine starke internationale Orientierung – und damit verbunden das Erlernen von Fremdsprachen – eine große Bedeutung. Viele Mitglieder der Generation Y weisen eine intensive Familienorientierung auf und wünschen sich eine möglichst harmonische Balance zwischen Beruf, Familie und Freizeit. Trotz aller Harmoniebedürfnisse verfolgt auch diese Generation durchaus tiefgreifende Veränderungsinteressen. Dabei geht es weniger um das große Ganze und um die Weltrevolution, sondern viel konkreter um die konsequente Umsetzung einer mehrperspektivischen Lebensqualität mit der Kombination von Geld und Genuss, Familie und Freundeskreis, sinnvoller und persönlich befriedigender Arbeit, lebenslanger Bildung und vielfältigen kulturellen Aktivitäten sowie um das Engagement für mehr Humanität und ökologische Sensibilität. Im Gegensatz zu der Erfahrung vieler junge Menschen in den vorhergegangenen Generationen, dass die jugendlichen Lebenskonzepte nur im Konflikt mit den Eltern und mit dem gesellschaftlichen „Establishment“ durchzusetzen sind, glaubt die Generation Y an die normative Kraft des Faktischen. Nach dem Motto Obamas „Yes we can“, machen sie einfach, was sie für richtig halten. Wegen dieses unspektakulären, selbstbewussten, und pragmatischen Idealismus hält der Jugend- und Sozialisationsforscher Klaus Hurrelmann die Mitglieder der Generation Y für „heimliche Revolutionäre“, die in den kommenden Jahrzehnten für nachhaltige Veränderungen in der Arbeits- und Lebenswelt sorgen werden. In dieser Generation dominiert ein weites Kulturverständnis mit einem starken Interesse für innovative Kulturangebote sowie für multimediale Ausdrucksmittel.

Die Generation Z mit den Geburtsjahren 1996 bis 2010 ist nicht nur die erste Generation der Digital Natives, sondern auch die erste Altersgruppe der Nachkriegszeit, die den Ostblock, den Eisernen Vorhang, den kalten Krieg, die DDR und die Berliner Mauer nur mehr aus Erzählungen und aus dem Geschichtsunterricht kennt. Aber statt der alten Krisen im Spannungsfeld zwischen Ost und West erlebte diese Altersgruppe eine Reihe von neuen Krisen: Nine Eleven, Finanzkrise, EU-Krise, Flüchtlingskrise – und selbstverständlich die schon seit Jahrzehnten schwelende ökologische Krise. Die gesamte Kinder- und Jugendzeit wurde von der Erfahrung geprägt, dass es außerhalb der Wohnung und des Kinderzimmers äußerst bedrohliche Entwicklungen gibt. Dieses Grundgefühl der Unsicherheit sorgt für eine beachtliche Portion Zukunftsangst. Dem Bedrohungspotenzial der globalen Außenwelt steht jedoch der emotional befriedigende und beruhigende Rückzugsbereich der Familie gegenüber. Denn der überwiegende Teil der Generation Z hat es mit verständnisvollen Eltern zu tun, die sich trotz steigender Scheidungsraten auch in Sandwichfamilien wohlwollend und liebevoll um ihren Nachwuchs kümmern. Der starken Beziehung zu den Eltern entspricht auch die in dieser Generation sehr häufige intensive Beziehung zu wenigen echten Freundinnen und Freunden. Starke Konflikte und der Zwang zur kämpferischen Durchsetzung der eigenen Interessen spielen in der Sozialisation der Generation Z keine nennenswerte Rolle. Der Aktivitätsdrang der Generation Y sowie deren Sehnsucht nach Sinn und Innovation sind der Generation Z eher suspekt. Vielmehr sehnt sich diese Altersgruppe nach viel Harmonie und lebt nach dem Grundprinzip „Leben und leben lassen“ sowie nach dem Motto von Pipi Langstrumpf „Ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt“. Diese ein wenig selbstverliebte, harmoniesüchtige und auf ihre individuelle und gruppendynamische Lebensqualität bedachte Generation Z wird das gesellschaftliche und kulturelle Leben der Zukunft mit ihrer Gelassenheit und Coolness sowie mit ihrer Forderung nach der Dominanz des Privatlebens nachhaltig beeinflussen. Diese eher auf Individualisierung bezogenen Grundhaltungen sowie die große Bedeutung digitaler Medien wirken sich auch auf die kulturellen Bedürfnisse der Generation Z aus.

Welchen Buchstaben erhält die Generation nach der Generation „Z“, also die 2011 und in den Folgejahren geborene Altersgruppe? Vielleicht kommt nach dem letzten Buchstaben im Alphabet nun der Buchstabe „A“ – wie „App“ – im Hinblick auf die bei der Jugend so beliebte Anwendungssoftware für Smartphones und Tablets.

Übrigens sind die Zukunftschancen der jüngsten Generationen Z und A deutlich besser als ihr Ruf. Denn noch nie in der Menschheitsgeschichte gab es ein derartig weit verbreitetes hohes Bildungsniveau wie bei der großen Mehrheit der heutigen jungen Menschen. Vor allem bei den Fremdsprachenkenntnissen, bei der medialen Kompetenz und bei der kreativen Kooperation in Projekten sind viele junge Menschen besonders gut aufgestellt. Außerdem gibt es wegen der relativ niedrigen Geburtenraten so wenig Nachwuchs für den Arbeitsmarkt wie schon lange nicht mehr.

Abschließend: Die Zukunftsangst vor der Digitalisierung und die Zukunftschancen von Kulturberufen. Bei aller zukunftsweisenden Bedeutung der Digitalisierung sollten wir jedoch die damit verbundenen Zukunftsängste mit kritischer Distanz betrachten. So können wir die Prognose, dass superintelligente Roboter bereits in etwa zwei Jahrzehnten die Intelligenz von Menschen übertreffen werden, getrost als Marketingmärchen aus dem Silicon Valley betrachten. Diese Vorhersage beruht übrigens auf einem sehr naiven Intelligenz-Verständnis. Denn die einzige wirklich überragende Intelligenz-Leistung künstlich intelligenter Maschinen liegt im Speichern und Verknüpfen von gigantischen Datenmengen. In diesem Bereich ist die so genannte „künstliche Intelligenz“ schon heute besser als der Mensch. Deshalb gewinnt die künstliche Intelligenz gegen Menschen beim Schach oder bei Quizspielen. Aber selbst sehr hoch entwickelte künstlich intelligente Roboter werden auch zukünftig nur sehr wenig von all dem können, was das menschliche Leben wirklich lebenswert macht. Die Besonderheit der menschlichen Intelligenz liegt dagegen in der hoch entwickelten Fähigkeit zur kreativen Verknüpfung von kognitiver Intelligenz mit emotionaler und sozialer Intelligenz. Dieses komplexe Kompetenzprofil ist bekanntlich auch die Grundlage der vielfältigen kulturellen Ausdrucksformen des Homo sapiens sapiens.

Ebenso werden Roboter den Menschen nicht generell die Arbeit wegnehmen. Richtig ist vielmehr, dass zukünftig zwar einige Arbeitsplätze der Digitalisierung und Automatisierung zum Opfer fallen werden. Richtig ist allerdings auch, dass neue Jobs und Berufe an anderer Stelle dazu kommen werden. Es geht es also nicht nur um einen Abbau von Arbeitsplätzen, sondern vielmehr um einen Umbau des Arbeitsmarkts. In diesem Umbauprozess werden übrigens nicht nur neue Technik-Berufe entstehen, sondern durchaus auch Berufe, die sich um unterschiedliche Ausprägungsformen der Bildung, der Gesundheitsförderung, des sozialen Zusammenhalts und selbstverständlich auch der kulturellen Angebotsstruktur kümmern. Dabei werden auch unterschiedliche Ausprägungsformen der kulturellen Bildung eine wachsende Bedeutung gewinnen. Denn die kulturellen Ausdrucksformen der Menschen sind ein unverzichtbarer Teil der zukünftig immer wichtiger werdenden Schlüsselkompetenzen! Und die Zukunftschancen der Kulturberufe sind bunt und nicht schwarz-weiß.   

Sehr geehrte Damen und Herren. Im Spannungsfeld zwischen unterschiedlichen Typen von Kulturstätten und Kultursparten sowie zwischen Tradition und Innovation kann, muss, soll, darf und will Kultur auch zukünftig Vieles nebeneinander, miteinander und gegeneinander sein: mondän und prekär, populär und elitär, kritisch und angepasst, provokant und versöhnlich, bildend und unterhaltend, Mainstream und Underground, Business und Subkultur. Und auch zukünftig wird Kultur Geld kosten und Geld bringen.

Danke, dass Sie mir zugehört haben.   

                   


[1] Wer sich für die Grundlagen und Grundfragen der wissenschaftlich fundierten Zukunftsforschung interessiert, findet in dem folgenden Buch eine kompakte Einführung:
Popp, Reinhold: Zukunftswissenschaft & Zukunftsforschung. Grundlagen und Grundfragen. Eine Skizze. Wien 2016.


Für das vorliegende Vortragsmanuskript wurden – mit freundlicher Genehmigung des LIT-Verlags – Textbausteine aus folgenden Publikationen genutzt:
Popp, Reinhold/Reinhardt, Ulrich: Zukunft! Deutschland im Wandel – der Mensch im Mittelpunkt. Wien/Zürich 2015.
Popp, Reinhold: Zukunft. Beruf. Lebensqualität. 77 Stichworte von A bis Z. Wien 2018.   

Univ.-Prof. Dr. Reinhold Popp, Jahrgang 1949, ist einer der wenigen Hochschullehrer im deutschsprachigen Raum, die sich systematisch mit den Grundlagen und Grundfragen der prospektiven Forschung beschäftigen. Er leitet das „Institute for Futures Research in Human Sciences“ an der Sigmund Freud Privat-Universität in Wien. In enger Kooperation mit diesem Institut forscht und lehrt er an der Freien Universität (FU) Berlin, wo er auch Gründungsmitglied und Dozent des Masterstudiengangs für Zukunftsforschung ist. Darüber hinaus ist er Kooperationspartner wichtiger Institute für vorausschauende Forschung und zukunftsbezogene Wissenschaftskommunikation in Deutschland, Österreich und der Schweiz, Berater von Politik und Wirtschaft, Autor bzw. Herausgeber einer Vielzahl von Publikationen – u. a. mehrerer Standardwerke der vorausschauenden Forschung – sowie Mitbegründer und Mitherausgeber der wissenschaftlichen Fachzeitschrift „European Journal of Futures Research“ (Springer Verlag). Weit über die Welt der Wissenschaft hinaus ist Professor Popp durch seine Interviews, Kolumnen und Kommentare in Presse, Hörfunk und Fernsehen sowie durch seine lebendigen Vorträge auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Er leitet seine Analysen und Prognosen aus wissenschaftlich fundierten Zukunftsstudien ab und entwirft plausible Bilder der Zukunft, jenseits von destruktiver Weltuntergangsstimmung und unkritischem Alles-wird-gut-Optimismus. 

Weiterer Impuls