Neue gesellschaftliche Bündnisse | Durchlässige Dialoge | ifa Stuttgart

Durchlässige Dialoge

Stefanie Stegmann

  • Internationalität
  • Transformation
  • Neue Arbeitskultur
  • Publikum
  • Verantwortung

Die international gefeierte Schriftstellerin Taiye Selasi sagt: „Don’t ask, where I’m from. Ask where I’m a local.“ Und die aufregende 25-jährige Essayistin Enis Maci antwortet direkt darauf in ihrem Band „Eiscafé Europa“: „Where I’m a local ist das letzte Hemd, ist: ein Aufbäumen.“

 

Für unsere Arbeit bedeutet Internationalität Räume in Bewegung zu bringen und zu halten, Räume, die ganz klar auch politische Echoräume sind; das heißt, Internationalität im Literaturhaus bedeutet für uns voller Pathos auch immer ein ganz kleines bisschen „Friedenssicherung“: Was ich nicht kenne, was ich nicht weiß, was ich nicht einzuschätzen in der Lage bin, kann für mich Neugier, aber auch Angst und Unbehagen erzeugen, kann meine Synapsen öffnenm aber auch vorschnell schließen lassen, Projektionsflächen bilden, Zuschreibungen generieren.

 

Internationale Literatur, Literaturen der Welt, können nicht herausgeschnitten werden aus ihrer Haut, durch die sie atmen. Das heißt, Literatur schwebt nicht wie eine Monade im Weltall, sondern entsteht in einem Geflecht von historischen, kulturellen, politischen Fäden. Produktion, Distribution und Rezeption hängen davon ab, wer wo wie schreibt, schreiben kann, gelesen wird, gelesen werden kann. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass lebenslange Gebundenheit an eine Sprache oder an einen Ort, um auf Taiye Selasi zurückzukommen, für einen Teil der Menschen längst nicht mehr gilt oder nie galt.

 

Internationalität in unserer Arbeit im Literaturhaus heißt daher für mich, Wissen und Kenntnisse von Lebensentwürfen, -bedingungen und gesellschaftlichen Verfasstheiten über Geschichten zu vermitteln und sie damit in einen Raum des Mehrdeutigen zu setzen. Ich sehe unsere Institution im internationalen Zusammenhang als einen vielstimmigen ästhetischen, literarischen Erfahrungsraum – bewusst offen für Bündnisse mit der Wissenschaft, Kultur, Politik und Gesellschaft.

Was das im Guten wie im Schwierigen heißen kann, möchte ich kurz am Beispiel unseres Festivals „Membrane“ skizzieren, das wir zusammen mit dem Institut français und der Akademie Schloss Solitude im Mai 2019 bei uns im Haus durchgeführt haben. Das Festival hat mit über 50 internationalen Gästen in diskursiven wie künstlerischen Formaten Fragen der Dekolonisierung in Afrikanischen Literaturen in Stuttgart auf die Bühne geholt. Wir drei einladenden Institutionen haben neben der Initiative für das Projekt dabei vor allem eines getan, haben: abgegeben.

 

Das beeindruckende „Membrane“-Festivalprogramm haben Felwine Sarr, ein senegalesischer Autor, Yvonne Adhiambo Owour, eine kenianische Schriftstellerin und Nadja Ofouatey-Alazard, eine afrodeutsche Kuratorin entwickelt. Das war das Eine, aber der „Membrane“-Gedanke wurde auch auf alle anderen Ebenen angewendet: Schwarze Schauspieler, Dolmetscherinnen, Projektmanager und Volunteers. Das Haus selbst war vier Tage gut gefüllt bis voll, wir hatten neben der „Süddeutschen Zeitung“, die das Festival drei Tage begleitet hat, ein Publikum im Haus, das aus ganz Deutschland und den Nachbarländern angereist kam.

 

Das klingt alles super, und das war es auf den vorderen Bühnen auch. Aber dieses Eingreifen in die Strukturen selbst ist im Tun selbst gar nicht immer so einfach. Auf den hinteren Bühnen des Projekts gab es zahlreiche Konflikte, die in Teilen bis heute anhalten, aus denen ich vor allem eines mitnehme: Internationale Verantwortung und gelingende Partnerschaften bedeuten für mich eine enorme Dialogbereitschaft. Was ich auf den großen politischen Bühnen wie auch im gesellschaftlichen Alltag zunehmend beobachte, ist eine wachsende Dialogreduktion. Überforderungen in der Komplexität unserer Gegenwart werden zunehmend durch Aggression und Vereinfachung kompensiert.

 

Zentrale Scharnierstelle sind und bleiben dabei unsere Sprachen: Wie können wir Leiter*innen mit dem Wissen um das Funktionieren unserer Institutionen neue Arbeitsformen, Räume für dialogisches Arbeiten schaffen, so dass das idealerweise Mehrstimmige und Permeable zum Prinzip wird, dass wir über das einmalige Feuerwerk eines Festivals hinaus in den Entscheidungsebenen offener werden, ohne dennoch unsere Einrichtungen zu überfordern? Und wie können wir, mit Taiye Selasi und Enis Maci gesprochen, das Aufbäumen im Heimischen als produktiv aushalten lernen?“

 

Dr. Stefanie Stegmann, Leiterin Literaturhaus Stuttgart