Impuls | Vernetzt. Wie die Digitalisierung die Welt verändert | L-Bank, Stuttgart

Vernetzt. Wie die Digitalisierung die Welt verändert

Bernhard Pörksen

  • Neue Bündnisse
  • Vernetzung
  • Digitalisierung
  • Kulturelle Bildung

Die Digitalisierung durchdringt das kulturelle, politische und private Leben bis in den letzten Winkel. Angesichts der immer dichteren Verflechtung traditioneller und digitaler Kommunikationskanäle ist die Vorstellung medienfreier Räume eine Illusion von gestern. Was bedeutet diese ebenso faszinierende wie beunruhigende Entwicklung für die Gesellschaft? Womit müssen wir rechnen? Und wie entstehen Meinungen und Gewissheiten in einer vernetzten, hochgradig nervösen Welt? Heute ist jeder zum Sender geworden, der Einfluss des etablierten Journalismus schwindet. Und die Digitalisierung transformiert unsere gesamte Informationsarchitektur – konkret lassen sich folgende Veränderungen ausmachen: 1. Digitalisierte Materialien besitzen eine neue Leichtigkeit und Beweglichkeit. 2. Es gibt – auch das ist für jeden erlebbar geworden – eine neue Geschwindigkeit. 3. Es gibt neue Themen. Denn das klassische Spektrum der Inhalte, die öffentlich werden, wird, vorsichtig formuliert, erweitert. 4. Es gibt neue Gemeinschaften, die im Akt des Sich-Austauschens sehr rasch zu einer eigenen Stabilität und Kraft gelangen. 5. Es gibt eine neue Sichtbarkeit; im Extremfall wird alles sofort öffentlich. Wie ist dies zu bewerten? 

Im Letzten lautet meine Bilanz: In der gegenwärtigen Situation steckt ein gesellschaftlich noch gar nicht verstandener Bildungsauftrag, an dessen Erfüllung sich Kulturschaffende jeglicher Couleur beteiligen können. Was mir vorschwebt, ist das Kultur- und Bildungsprogramm einer digitalen Ökologie. Die Vernetzung und Digitalisierung in ihren persönlichen und gesellschaftlichen Folgen zu durchdenken, sie mit Blick auf die öffentliche Außenwelt und die eigene kognitive Innenwelt zu begreifen, das Zusammenspiel von Mensch und Werkzeug, von Mensch, Medium und Gesellschaft zu erforschen – das wäre die Aufgabe eines so verstanden Kultur- und Bildungsprogramms mit dem Namen digitale Ökologie.

 

Prof. Dr. Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen, führte in seinem Vortrag bei der Auftaktveranstaltung am 20. Juni 2018 in der Rotunde der L-Bank aus, wie sich unsere Idee von Wahrheit, die Dynamik von Enthüllungen, der Charakter von Debatten und die Vorstellung von Autorität und Macht unter den aktuellen Medienbedingungen verändern. Dieser Text ist eine Zusammenfassung.

Prof. Dr. Bernhard Pörksen lehrt an der Universität Tübingen Medienwissenschaft. Er erforscht die Macht der öffentlichen Empörung sowie die Zukunft der Reputation und veröffentlicht – neben wissenschaftlichen Aufsätzen – Essays und Kommentare in Zeitungen. Seine Bücher mit dem Philosophen Heinz von Foerster („Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“) und dem Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun („Kommunikation als Lebenskunst“) wurden Bestseller. Im Jahr 2008 wurde Bernhard Pörksen zum „Professor des Jahres“ gewählt. Sein Vortrag basiert auf seinem aktuellsten Buch „Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung“.