Digitale Welten | Was digital-mutige Menschen tun ¯\_(ツ)_/¯ | ZKM Karlsruhe

Was digital-mutige Menschen tun ¯\_(ツ)_/¯

Dirk von Gehlen

  • Digitalisierung
  • Transformation

Wie lernt man digitales Denken? Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort. Vermutlich ist es vielmehr so, dass jede und jeder einen eigenen Weg suchen muss. Dabei kann es hilfreich sein, Inspiration bei jenen zu suchen, die bereits digitalen Mut beweisen. Auf dieser Beobachtung basiert die folgende Liste. Digital-mutige Menschen verbindet, dass sie einige (oder alle) der folgenden Eigenschaften auf sich vereinen:

 

 


1. Sie haben keine Angst vor dem Neuen

Der Bundespräsident hat mal gesagt: „Zukunft ist kein Schicksal.“ Digital-mutige Menschen teilen diese Perspektive aufs Morgen. Sie glauben daran, dass Zukunft gestaltbar ist, dass es eine Rolle spielt, ob und in welcher Weise sie sich selbst einbringen. Sie beantworten die Frage „Kann es (noch) besser werden?“ mit einem deutlichen Ja und beweisen damit eine Fähigkeit, die man mit Robert Musil als „Möglichkeitssinn“ beschreiben könnte.

 

 


2. Sie feiern Ratlosigkeit 

Das Neue fordert uns auf verstörende Weise heraus. Aber Verstörung mögen wir nicht. Im Gegenteil: Das menschliche Gehirn möchte Verstörung eher vermeiden. Deshalb zwingen sich digital-mutige Menschen nahezu in Situationen, die sie nicht direkt einordnen können. Sie suchen Überforderung, weil sie wissen, dass diese die Grundlage unserer Zeit ist. Überforderung anzuerkennen ist eine wichtige Fähigkeit. Der Autor Christoph Kucklick spricht von „Überforderungsbewältigungskompetenz“.

 

 


3. Sie betrachten die Welt aus der Perspektive des Nutzers 

Durch die Verbindung von Menschen über das Internet ist es in großem Maße möglich, die Perspektive der anderen Seite einzunehmen. Das klingt einfach, ist aber mit einer Herausforderung verbunden. Es verlangt von der Seite der Anbietenden ein hohes Maß an Reflektion und die stets wiederkehrende Frage: „Für wen machen wir das hier eigentlich?“ Auf diese Weise auf Probleme zu schauen, verändert die Perspektive.

 

 


4. Sie versuchen, Nutzerbedürfnisse zu erfüllen 

Aus der Haltung des „User-Centered-Design“ ergibt sich eine Grundbedingung für digitale Produktentwicklung, die man in zahlreichen Denkschulen findet: Es geht darum, Bedürfnisse auf der Seite der Nutzerinnen und Nutzer zu befriedigen. Also Angebote zu schaffen, die tatsächliche Probleme lösen. Dafür ist es unabdingbar, diese Probleme zunächst zu identifizieren.

 

 


5. Sie denken in Iterationen (kleiner!)

Wer an Digitalisierung denkt, denkt an gesellschaftlichen Wandel und die großen Fragen – auf die es eben keine einfachen Antworten gibt. Der Trick, daran dennoch nicht zu verzweifeln, lautet: Kleiner denken! Man spricht dann von Iterationen: kleinen Aufgaben, die schrittweise erledigt werden und mit jedem Schritt ein klein wenig Selbstwirksamkeit zeigen. Denn selbst wenn etwas falsch läuft, lässt sich daraus immerhin noch eine Lehre ziehen.

 

 


6. Sie lernen aus Fehlern (Build Measure Learn)

Das Prinzip, aus Fehlern zu lernen, hat Eric Ries in seinem Buch „The Lean Startup“ auch für diejenigen ausführlich beschrieben, die kein Start-up, sondern eine Kultureinrichtung betreiben. Für Ries ist Start-up nämlich mehr eine Geisteshaltung als eine Rechtsform. Sie heißt vor allem: nicht festgelegt zu sein, auszuprobieren und zu testen. Der Dreiklang: Bauen, Messen, Lernen ist für Ries der Grundantrieb der digitalen Produktentwicklung.

 

 


7. Sie wissen was „Pivot“ und „Reframing“ bedeutet

Wer lernt, stellt irgendwann fest: So geht es nicht weiter. Etwas anders zu machen, ist aber kein Welt-unter-gang, sondern unabdingbar im unwegsamen Gelände der digitalen Entwicklung. Im Design Thinking gibt es dafür den Begriff des „Reframing“. Er beschreibt die Fähigkeit, ein Problem aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Dann verändert sich die Ausrichtung eines Start-ups eben: Es vollzieht einen „Pivot“.

 

 


8. Ihre Chefs sind nicht die Schlausten im Raum

Digitalisierung ist nicht nur eine technische Veränderung. Durch die Transformation gelten auch in der Zusammenarbeit in Gruppen andere Regeln. Autorität muss sich in digitalen Zusammenhängen neu begründen, dadurch ergeben sich Veränderungen im Verhältnis von Vorgesetzten und Angestellten. Diese werden nicht mehr einzig durch Druck geführt, sondern zunehmend auch durch intrinsisches Interesse am gemeinsamen Erfolg. 

 

 


9. Sie arbeiten, was sie „wirklich wirklich wollen“

Das Schlagwort für neue Arbeitszusammenhänge heißt „New Work“. Es stammt von Frithjof Bergmann, der damit nicht kostenlose Obstteller oder Kickertische im Teamraum meinte, sondern eine Haltung zur eigenen Arbeit. Und diese Haltung zeichnet sich dadurch aus, dass Angestellte einen Sinn (purpose) in dem sehen, was sie machen.

 

 


10. Sie werden wie Erwachsene behandelt

Methoden wie Scrum setzen auf die Interessen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und tragen dem digitalen Umfeld Rechnung. Dabei arbeiten interdisziplinäre Teams nicht mehr nach den Ideen eines einzelnen Chefs, die oder der alleine den Weg vorgibt. Durch diese Prinzipien entsteht ein neues Arbeitsverhältnis, in dem es eine andere Fehlerkultur und eine Organisationsform gibt, in der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wie Erwachsene behandelt werden.

 

 


11. Sie haben Hoffnung

Der schon zitierte musilsche Möglichkeitssinn drückt sich etwas pathetisch formuliert in Hoffnung aus. Gerade in Branchen, die durch die Digitalisierung unter Druck geraten sind, fehlt dieser hoffnungsvolle Blick in die Zukunft oft. Dabei gilt auch hier: Es kann durch das eigene Zutun besser werden.

 

 


12. Sie glauben stets, dass auch das Gegenteil richtig sein könnte

In komplexen Systemen gibt es keinen Masterplan – und kein festes Regelwerk, das vorgibt, welchen Weg man gehen soll. Digitales Denken lässt immer Raum für die Möglichkeit, dass das Gegenteil richtig sein könnte. Das schulterzuckende Emoticon des Shruggie ist für diese Geisteshaltung das beste Symbol: ¯\_(ツ)_/¯ .

 

 

Diese hier ausgearbeiteten zwölf Thesen hat der Journalist und Autor Dirk von Gehlen am 10. Oktober 2019 im ZKM Karlsruhe auf der Veranstaltung „Digitalität und Kulturinstitutionen – Die Kunst sich zu verändern“ präsentiert.

Dirk von Gehlen, Jahrgang 1975, ist Autor, Journalist und Speaker. Bei der „Süddeutschen Zeitung“ leitet er die Abteilung Social Media und Innovation, in der er unter anderem das Longreads-Magazin „Süddeutsche Zeitung Langstrecke“ entwickelt hat. Der diplomierte Journalist studierte Kommunikationswissenschaften, Politik und Neuere Deutsche Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Den durch die Digitalisierung ausgelösten Medien-wandel begleitet er auf seinem Blog digitale-notizen.de und auf Twitter. Für seine Arbeit wurde er mit dem Grimme-Online-Award und dem Axel-Springer-Preis für junge Journalisten ausgezeichnet. Er zählt zu den Crowdfunding-Pionieren in Deutschland und befasst sich mit den gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung.