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Forum: Digitale Welten

 

Zentrale Themen wurden spartenübergreifend in vier Foren diskutiert. Das „Forum: Digitale Welten“ widmete sich den Chancen und Herausforderungen der digitalen Technik in den Kulturinstitutionen und in den Künsten. Damit verband es Fragen der Verantwortung.

 

Veranstaltungen

Forumsleitung und Beratungskreis

Haupttext

Handlungsempfehlungen

Digitalität und Verantwortung

  • Gestaltung des digitalen Wandels braucht eine starke kulturpolitische Vision | Digitale Kulturpolitik muss sich als Weiterführung der Aufklärung mit digitalen Mitteln begreifen. Projekte im digitalen Bereich sollten die Idee einer freiheitlich aufgeklärten Gesellschaft stärken und Vielfalt, Offenheit, Selbstbestimmung und Toleranz leben und erlebbar machen. Hieran sollte sich sowohl die Programmgestaltung der Institutionen als auch die Förderpolitik orientieren. Bei dem Einsatz von digitalen Instrumenten, Künstlicher Intelligenz (KI) und Algorithmen-­basierten Anwendungen in Kultureinrichtungen sind Datenschutz und Schutz der Privatsphäre strikt einzuhalten. Institutionen und Politik sollten gemeinsam die Etablierung von unabhängigen, gegebenenfalls öffentlich-rechtlichen Plattformen unterstützen und sich für eine nichtkommerzielle Kultur des digitalen Handelns und Kommunizierens (KI im Dienst der Humanität) einsetzen.
     
  • Digitalität und Ökologie | Die größte Herausforderung unserer Zeit ist die ökologische. Sämtliche digitalen Maßnahmen müssen im Bewusstsein ihrer ökologischen Konsequenzen erfolgen. Kulturinstitutionen sollten im digitalen Bereich maximal umwelt- und ressourcenschonend agieren, digitale Investitionen im Verbund ­organisieren und die digitale Alltagspraxis ökologisch gestalten. Förderungen digitaler Projekte sollten ­konsequent an ein entsprechendes Nachhaltigkeitskonzept gebunden sein.
     
  • Digitalität fördern – Freiräume schaffen | Die Politik sollte Programme auflegen, die gezielt Kunst- und Kultur­projekte fördern, die mit digitalen Methoden arbeiten oder die sich zur Aufgabe machen, den digitalen Raum zu gestalten. Gleichzeitig sollte die Schaffung und der Erhalt von Arbeits- und Begegnungsräumen für Kunstschaffende und Kreative speziell aus dem digitalen Bereich ein Ziel sein. Für ein unabhängiges digitales Arbeiten sollten Kultureinrichtungen Open-Source- und Open-Access-Lösungen einsetzen. Die Politik und Kulturadministration sollte diesen Einsatz unterstützen und selbst, wo möglich, Open-Source-Programme verwenden. Bei der Entwicklung und Etablierung von Open-Source- und Open-­Access-Lösungen sollten sich Kultureinrichtungen, Kulturakteurinnen und -akteure untereinander ­austauschen und mit Hochschulen zusammenarbeiten. Die Ergebnisse digitaler Förderprogramme müssen als Open Source und Open Access zur Verfügung stehen.
     
  • Das digitale Zeitalter – Wandel als Dauerzustand | Der kulturpolitische Dialog im Bereich Digitalität sollte von der Kulturpolitik intensiviert und verstetigt werden. So sollte eine jährlich stattfindende, international ausgerichtete „Digital-Konferenz Kultur“ zu wechselnden Themen etabliert werden.

 

 


Digitaler Wandel in Kulturinstitutionen

 

  • Ganzheitlich-digitale Strategien entwickeln | Die Kultureinrichtungen müssen ihre Strategien im Hinblick auf den digitalen Wandel schärfen. Isolierte digitale Strategien sind dabei nicht die Lösung. Vielmehr sind die Aspekte des Digitalen in die Gesamtstrategien der Häuser zu integrieren. Die Politik sollte die Institutionen mit entsprechenden digitalen Transformationsprogrammen bei der Erarbeitung solcher Strategien unterstützen. Dies könnte im Rahmen der Weiterführung des Förderprogramms „Digitale Wege ins Museum“ erfolgen.
     
  • Digitale Infrastruktur im Verbund ausbauen | Um den digitalen Wandel erfolgreich zu vollziehen, müssen die Institutionen kontinuierlich in die digitale Infrastruktur und in laufende Betriebskosten (Speicher, Hosting) investieren. Dies kann nur im Verbund gelingen. Die Kultureinrichtungen müssen hinsichtlich Hardware-­Beschaffung, Speicherlösungen für die Langzeitarchivierung und den damit verbundenen Dienstleistungen ­Verbünde bilden und gemeinsam agieren (Leasing, Sharing-Lösungen). Spezialinfrastruktur etwa zur Objekt-Digitalisierung (3-D-Scan) sollten so weit wie möglich gemeinsam genutzt werden. „Insel-Lösungen“ sind zu vermeiden. Die Politik sollte digitale Infrastrukturprojekte fördern, die hinsichtlich Investition und Nutzung in Verbünden organisiert und auf nachhaltigen Betrieb ausgelegt sind.
     
  • Digitale Kompetenz aufbauen und langfristig etablieren | Bei der Einstellung und bei der Weiterbildung von Personal (besonders in der Führungsebene) ist sowohl in den Institutionen als auch in der Kulturverwaltung ­großer Wert auf digitale Kompetenz zu legen. Die Zusammenarbeit des Kulturbereichs mit digitalen Expertinnen und Experten sowie IT-Innovatoren aus den Bereichen Medien, Hochschule, Wissenschaft und Wirtschaft (Start-Ups) sowie die Entwicklung fachspezifischer KI sollte intensiv gefördert werden. Die digitale Kompetenz sollte fest in den Kultureinrichtungen verankert werden. Hierfür sollten feste Stellen für Digitalexpertinnen und -experten und Digitalmanagerinnen und -manager geschaffen werden.
     
  • Einrichtung einer „Kompetenzstelle Digitaliät“ | Die MFG Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg könnte zur Kompetenzstelle Digitalität im Kulturbereich ausgebaut werden. Als solche wäre sie Ansprech­partnerin sowohl für die Kulturinstitutionen als auch für die Kulturverwaltung. Aufgaben wären Weiterbildung, Innovationsberatung und die Organisation des Austausches von Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft bei ­Digitalitätsthemen sowie die Begleitung von Förderprozessen. Das Bibliothekservice-Zentrum (BSZ) könnte die Koordination der digitalen Verbundstrukturen der Kultureinrichtungen (Langzeitarchivierung, Standardisierung, Infrastruktur) koordinieren.
     
  • Wandel der Arbeitskultur – der Weg zur „digital-mutigen Haltung“ | Kulturinstitutionen und die Kulturverwaltung sollten bei Personalbesetzungen besonders im Führungsbereich auf Teamfähigkeit und die ­Bereitschaft Wert legen, moderne, digitale Arbeitsmethoden einzusetzen. Ziel sollte eine Arbeitskultur sein, die ­hierarchische Strukturen zugunsten kompetenzbasierter Teamarbeit auflöst und New-Work-Konzepte ­ermöglicht, das heißt Arbeits- und Kommunikationsprozesse flexibilisiert.
     
  • Neue Förderkultur – Digital ausgerichtet, transparent und partnerschaftlich | Die Kulturpolitik sollte auch künftig Förderprogramme aufsetzen, die gezielt die digitale Transformation unterstützen und digitale ­Innovation fördern. Förderung sollte dabei als partnerschaftlicher Prozess begriffen werden. Administrative Prozesse bei Ausschreibungen, Förderung, Vergabe und Ressourcenverteilung sollten reaktionsfähig und ­flexibel sein. Die Komplexität der Aufgabenstellungen im digitalen Bereich erfordert angemessene Ausschreibungsfristen, Begleit- und Feedback-Instrumente. Beim Ausschreibungs- und Förderungsmanagement wäre gegebenenfalls mit der MFG als Kompetenzzentrum Digitalität zusammenzuarbeiten, analog zu „Digitale Wege ins Museum 2“.
     
  • Die neue Rolle der Besucher – Vom Betrachter zum User zum Partner | Um den digitalen Wandel voranzubringen, müssen Kulturinstitutionen die digitalen Besucherinnen und Besucher ernst nehmen. Die Relevanz und Bedeutung der Kultureinrichtungen in einer digitalen Gesellschaft hängt entscheidend von ihrer Wirkung im digitalen Raum ab.
Zuwendungen und Förderungen sollten sich entsprechend nicht nur an der realen, sondern auch an der digitalen Besucherresonanz orientieren. Kultureinrichtungen sollten ein partnerschaftliches Verhältnis zu den Besucherinnen und Besuchern sowie zu den Institutionen pflegen und sie bei der Gestaltung ihrer Programme und Vermittlungsprojekte einbeziehen. Von der Politik sollten gezielt partizipative Projekte und besucherorientierte Konzeptionen gefördert werden. Um die Nachhaltigkeit der Programme zu überprüfen, sollten die Projekte kontinuierlich von Besucher- und Nichtbesucherforschungen begleitet werden. Kernkompetenz der Zukunft ist auch im kulturellen Bereich die Digitalkompetenz. Der Bereich „Digital Literacy“ sollte ein zentrales Aufgabenfeld des neuen Kompetenzzentrums Kulturelle Bildung und Vermittlung werden.
     
  • Öffnung der Datenbestände | Im Sinne der Öffnung der Institutionen sollten Kultureinrichtungen und Archive eine möglichst umfangreiche Verfügbarkeit und Nutzbarkeit von Kulturdaten in guter Qualität (Open-Data) und den Einsatz möglichst niedriger Lizenz-Modelle ermöglichen (idealerweise Creative Commons CC0 1.0 Universal). Die Kulturpolitik sollte die Öffnung der Kulturdaten aktiv einfordern. Die Kulturpolitik sollte die Entwicklung von Portalen und Schnittstellen fördern, über die diese Daten zugänglich und nachnutzbar sind. Außerdem sollten digitale Projekte unterstützt werden, die kreativ mit freien Kulturdaten umgehen (vgl. Coding Da Vinci).
     
  • Öffnung der Kultureinrichtungen als Digital Third Places | Vor dem Hintergrund des Öffnungsgedankens sollten sich Kultureinrichtungen nicht nur als kulturelle Bildungsorte, sondern als Third Places oder Dritte Orte verstehen, das heißt als offene, attraktive Begegnungsorte in einer städtischen und ländlichen Gesellschaft. Die Kulturpolitik sollte diese Öffnung fördern und die Kultureinrichtungen baulich und durch eine entsprechende Ausstattung zu Dritten Orten erweitern und auch durch digitale Vermittlungsangebote unterstützen. In diesem Sinne könnte das Kunstgebäude Stuttgart als Vorzeigebeispiel einer neuartigen offenen digital ausgestatteten Kulturinstitution entwickelt werden.

 

 


Im „Forum: Digitale Welten“ wurde deutlich, dass die digitale Transformation alle Teile des Kulturlebens betrifft. Daher richten sich die Handlungsempfehlungen nicht nur an die Kulturinstitutionen und die Kulturpolitik, sondern auch an jede einzelne Person im Kulturbetrieb.

Galerie

Best Practice


Digitalität und Verantwortung


Forensic Architecture: Neue Methoden in den Künsten 

Bei der Forumsveranstaltung „Digitalität und Verantwortung“ präsentierte das internationale investigative Künstlerkollektiv Forensic Achitecture seine künstlerische Arbeit. Die Gruppe besteht aus Künstlerinnen und Künstlern, Vertreterinnen und Vertretern der Architektur, des Software-Designs und Filmgeschäfts sowie aus Journalistinnen und Journalisten und untersucht mit digitalen Methoden weltweit Menschenrechtsverletzungen und politisches Versagen. Die Gruppe, die unter anderem die NSU-Morde und syrische Giftgasangriffe aufgearbeitet hat, war für den Turner Prize nominiert. In der Arbeit von Forensic Architecture werden die neuen Möglichkeiten der digitalen Wirklichkeitsgestaltung und die damit verbundenen Verantwortlichkeiten sichtbar, vor allem aber die vielfältigen -Entgrenzungen des Kunstbegriffs in einer digitalen Welt.

→ https://forensic-architecture.org/

 

Linden-Museum Stuttgart: Digitale Objektdatenbank mit Präsentation zur Provenienzforschung 

Die Aufarbeitung des kolonialen Erbes und die Provenienzforschung gehören zu den wichtigsten Herausforderungen ethnologischer Museen. Digitale Präsentations- und Kommunikationsplattformen spielen hierbei eine zentrale Rolle. Im Rahmen des Förderprogramms „Digitale Wege ins Museum“ erstellt das im Besitz des Landes befindliche Linden-Museum aktuell eine Online-Sammlungsdatenbank seiner Objekte unter besonderer Berücksichtigung der vom Land finanzierten Provenienzforschung. Diese Online-Plattform wird künftig – zunächst zweisprachig deutsch und englisch – der zentrale virtuelle Zugang zu den Sammlungen des Linden-Museums sein und sowohl den Austausch mit Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftlern und Interessierten der Herkunftsgesellschaften als auch mit der regionalen Zivilgesellschaft ermöglichen.

→ https://www.lindenmuseum.de/fileadmin/user_upload/images/fotogalerie/Presse__Veranstaltungskalender/SchwierigesErbe_Provenienzforschung_Abschlussbericht.pdf

 

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Arbeitskultur und Innovation


ZKM Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe: Agile Organisation

Kulturinstitutionen agieren heute in einer dynamischen und komplexen Umwelt, die von Globalisierung, Digitalisierung und sich rasch verändernden Anforderungen gekennzeichnet ist. Dies gilt vor allem für Institutionen wie dem ZKM, das sich mit aktuellsten Entwicklungen in Kunst, Medien und Gesellschaft auseinandersetzt. Das ZKM regiert darauf mit einer maximal agilen Arbeitspraxis: Alle Prozesse und Strukturen sind darauf ausgerichtet, schnellstmöglich auf neue Entwicklungen, Chancen und Ereignisse reagieren zu können. Die flexiblen Strukturen dieser agilen Arbeitskultur ermöglichen, dass sich Menschen mit passenden Kompetenzen in Teams zusammenfinden und nach den Prinzipen der Selbstverantwortung, Selbstorganisation, Flexibilität und Exploration zusammenarbeiten. Die Basis hierfür ist Mut in der Organisationsführung. Das ermöglicht ein offenes Zusammenspiel aller ZKM-Abteilungen jenseits eines Silo-Organigramms und Offenheit gegenüber externen Partnern und Publikum. Für den Austausch und die Zusammenarbeit in einer solchen Arbeitskultur sind digitale Tools unerlässlich.

→ https://zkm.de/de/ueber-das-zkm/organisation

 

Podium Esslingen – Podium.Digital: Künstlerische Innovation 

Das 2009 gegründete Podium Esslingen hat sich zu einer Plattform für Innovation im Bereich der klassischen und zeitgenössischen Musik entwickelt und setzt dabei auf die Vernetzung von Akteurinnen und Akteuren, die an unterschiedlichen Orten leben und arbeiten. Mit Podium.Digital setzt es sich mit der digitalen Zukunft des Konzertbetriebs auseinander: Wie sieht das Musikschaffen im digitalen Zeitalter aus? Welche Rolle spielen Künstliche Intelligenz, Crowd Creativity, Virtuelle Realität, Kollaborative Kompositionen für die zukünftige Musikproduktion und -rezeption? Wie -erweitert sich der künstlerische Raum digital? Damit versteht sich Podium.Digital als Ermöglicher für „Räume des Experiments, des Staunens und Nachdenkens, außerhalb der dominierenden Marktlogik.“ (Mehr über Podium Esslingen im Gastbeitrag von Steven Walter)

→ https://www.podium-esslingen.de/digital/

 

 


Neue Förderkultur


„Digitale Wege ins Museum 2“ – Förderung als partnerschaftlicher Prozess 

Mit „Digitale Wege ins -Museum 2“ hat das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg ein Förderprogramm für die Landesmuseen aufgesetzt, das hinsichtlich Ausschreibungskonzeption, Transparenz, Methode und Zielsetzung neuartig ist. Das Programm sieht Förderung als partnerschaftlichen Prozess, in dem staatliche Museen bei ihren komplexen Innovations- und Transformationsprozessen im digitalen Bereich begleitet -werden. Es wurde auf ein klassisches Auswahlverfahren verzichtet. Alle staatlichen Museen konnten sich bereits bei der -Antragstellung von Expertinnen und Experten beraten lassen. Auch die Fachjury agierte nicht als -Bewertungs- sondern als Beratungsgremium. Die Ausschreibung und Umsetzung der Projekte von „Digitale Wege ins -Museum 2“ wurden von der MFG Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg insbesondere mit Coachings und Austauschtreffen begleitet. Es findet ein regelmäßiger Austausch zwischen den Museen und dem Ministerium statt, der in einer überregionalen Abschlusspräsentation aller Projekte mündet.

→ https://kreativ.mfg.de/digitalewegeinsmuseum2/

 

Statements