Neue gesellschaftliche Bündnisse | Dialog im Dialog – Netzwerke und Partnerschaften zwischen Zivilgesellschaft und Kultur

Dialog im Dialog – Netzwerke und Partnerschaften zwischen Zivilgesellschaft und Kultur

Siegfried Dittler

  • Zivilgesellschaft
  • Demokratie
  • Kooperation
  • Multiplikatoren
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  • Bürgerschaftliches Engagement
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  • Freundes- und Förderkreise

„Im Ganzen genommen könnte man die Kultur als den Prozess der fortschreitenden Selbstbefreiung des Menschen beschreiben.“  Ernst Cassirer: Versuch über den Menschen1 

 

Neue gesellschaftliche Bündnisse als begriffliches Leitmotiv dieses Forums geht von der Prämisse aus, dass in einer Zeit, in der gesellschaftlicher Wandel an Dynamik hinsichtlich Geschwindigkeit und Komplexität gewinnt, in eben diesem Wandel Potenziale liegen, die für Kultureinrichtungen und ihre Nutzerinnen und Nutzer wegweisend sein können. Die Grundannahme ist, dass eine mündige Zivilgesellschaft mit demokratischem Gestaltungswillen auf Kultureinrichtungen trifft, die in der Lage sind, Brücken zu bauen und Menschen unterschiedlichster Couleur anzusprechen – durch die Pflege des kulturellen Erbes genauso wie durch neue künstlerische Ansätze und durch verschiedenste Formen ästhetischer Ausdrucksformen.

 

Welche Beiträge leisten Kunst und Kultur zur Demokratie und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt, auch im internationalen Kontext? Diese Frage stand zu Beginn der Forumsarbeit an erster Stelle und wurde zum Abschluss des Prozesses in einem größeren Rahmen diskutiert.

Was kann dazu beitragen, und wie kann es gelingen, dass Akteurinnen und Akteure der Zivilgesellschaft wie auch der Kultur ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden? Welche Kooperationen und auch neue Vernetzungen können hierfür ausschlaggebend sein und wie können diese gestärkt werden? Wie kann in der Wechselwirkung zwischen Kultureinrichtungen und Zivilgesellschaft ein Dialogprozess entstehen, der entscheidende Impulse für gesamt-gesellschaftliche Diskurse gibt und der durch die Verzahnung sämtlicher Netzwerkpartner ein Gewinn für die Allgemeinheit ist? Wie können Kunst- und Kulturinstitutionen in Kooperation mit ihren Nutzerinnen und Nutzern, Besucherinnen und Besuchern zur Identität einer auf Vielfalt beruhenden Gesellschaft beitragen und heimatgebende Orte für alle sein, gerade auch für die digital geprägte jüngere Generation? 

Wo liegen die Möglichkeiten und Grenzen von Wirtschaftsunternehmen als Kulturförderer, Partner und Sponsoren? Welche Rolle spielen Kulturfördervereine, Freundeskreise und Besucherorganisationen, und vor welchen Herausforderungen stehen sie? 

In den Diskussionen bei den Veranstaltungen des „Forums: Neue gesellschaftliche Bündnisse“ zeigte sich, dass diese Fragen nur in einem fortzusetzenden Dialog der Netzwerkpartner zu beantworten sind und die Bereitschaft erfordern, Grenzen neu zu definieren.

 

Eine emanzipierte Bürgerschaft trifft auf selbstbewusste Kulturakteurinnen und -akteure, die wissen, dass sich die Einrichtungen verändern müssen, um den aktuellen und künftigen Herausforderungen zu begegnen. Die im „Forum: Digitale Welten“ und im „Forum: Strategien der Transformation“ angesprochenen Themen fanden häufig Widerhall in den Diskussionen und Gesprächen, da es bei der Förderung neuer gesellschaftlicher Bündnisse auch um Veränderungsprozesse in den Kultureinrichtungen und um aktuelle und künftige Formen der Kommunikation geht. Folgenden Handlungsfeldern galt das Interesse: zivilgesellschaftliches Engagement, Fördervereine, Dritte Orte, Kultur und Wirtschaft, Heimat und Identität.


Zivilgesellschaftliches Engagement

 

Die Kultureinrichtungen als zeitgenössische Form der antiken Agora sind Orte, an denen aktuelle gesellschaftsrelevante Themen verhandelt werden. Es sind Orte, die für eine offene, integrative, plurale und aufgeklärte Gesellschaft stehen. Damit sind sie unverzichtbarer Bestandteil in einer Demokratie.

 

Die Agora im antiken Griechenland war der zentrale Versammlungs- und Veranstaltungsort. Heute finden Diskussionen, Streits und Debatten vermehrt in Internetforen und auf Kommentarseiten von Onlinemedien statt. Um diese Diskussionen aus den digitalen Netzwerken in die analoge Welt zu übertragen, entwickeln die Theater, Museen, Bibliotheken, soziokulturellen Zentren stetig neue Formate und kooperieren auch auf internationaler Ebene miteinander. Diese Formate wie Bürgerforen, Workshops, Gesprächskreise, Führungen und Austauschprogramme über Landesgrenzen und europäische Grenzen hinweg sind eminent wichtig für den gesellschaftlichen Dialog. Hier und auch auf internationalen Kulturfestivals werden relevante Themen behandelt. Die Kultureinrichtungen nehmen eine Mittlerfunktion ein und schaffen so die Voraussetzungen, um miteinander statt übereinander zu reden. Die über Kunst und Kultur ausgetragenen Debatten und Begegnungen haben dabei längst eine globale Ausprägung. Nähere Einblicke dazu liefert der Gastbeitrag von Dr. Annika Hampel „Die Zukunft von Kulturpolitik ergibt sich aus der Gegenwart – und der Praxis“. 

Die im November 2019 veröffentlichte Studie „more in common“ 2 unterstreicht den Wunsch der Bevölkerung nach mehr Dialog. „Es ist wichtig, die gemeinsamen Grundlagen unserer Gesellschaft wieder zu stärken und die in Teilen durchaus intakte Substanz des Miteinanders aktiv zu bewahren“, lautet eine Schlussfolgerung der Studie. Zusammenhalt sei nicht nur wichtig für das gesellschaftliche Miteinander, sondern letztlich auch zentral für das Gelingen liberaler Demokratie. 

 

Die Enquete Kommission des Deutschen Bundestages „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements – Bürgergesellschaft“ 3 benennt in ihrem Bericht Ziele, Inhalte und Verfahrensweisen von Bürger- beziehungsweise Zivilgesellschaft: 

„In der Bürgergesellschaft geht es um die Qualität des sozialen, politischen und kulturellen Zusammenlebens, um gesellschaftlichen Zusammenhalt und ökologische Nachhaltigkeit. So verstanden bildet das bürgerschaftliche Engagement in der Bundesrepublik einen zentralen Eckpfeiler in einer Vision, in der die demokratischen und sozialen Strukturen durch die aktiv handelnden, an den gemeinschaftlichen Aufgaben teilnehmenden Bürgerinnen und Bürger mit Leben erfüllt, verändert und auf zukünftige gesellschaftliche Bedürfnisse zugeschnitten werden. Bürgergesellschaft betreibt eine gesellschaftliche Lebensform, in der sowohl den bürgerschaftlich Engagierten als auch ihren vielfältigen Formen und Vereinigungen mehr Raum für Selbstbestimmung und Selbstorganisation überlassen wird.“ 4 

 

Eine Gesellschaft benötigt soziales Kapital, das durch das Agieren von Vereinen, Initiativen, durch Ehrenämter und Freundeskreise gebildet wird. Dieser soziale Kitt wird auch im Zusammenspiel von Zivilgesellschaft und Kulturinstitution gebildet. Kultureinrichtungen und aktive Teile der Zivilgesellschaft sind schon heute häufig verzahnt, und neue Modelle der Bürgerbeteiligung wie der Bürgerbeirat des Badischen Landesmuseums Karlsruhe zeigen das Potenzial auf, welches in einem Dialog auf Augenhöhe liegt. 

 

Die künftigen Herausforderungen liegen darin, in den Einrichtungen die dauerhaften Voraussetzungen zu schaffen, die vorhandenen Potenziale auch abzurufen (siehe „Forum: Strategien der Transformation“). Die weitere Herausforderung besteht in der Gewinnung von jungen Menschen. Hier ist es wichtig, auch zeitgemäße Formen des Engagierens wie Projektmitarbeit zuzulassen und ein zeitlich befristetes Engagement ebenso zu würdigen wie eine dauerhafte Bindung. Wertvolle Bündnisse können somit künftig vermehrt temporären Charakter besitzen.


Fördervereine und Freundeskreise

 

Eine direkte Verbindung zwischen Zivilgesellschaft und Kultureinrichtungen stellen die Kulturfördervereine dar. Der gesellschaftliche Mehrwert ergibt sich neben der monetären Unterstützung von Kultureinrichtungen durch freiwilliges Engagement, gepaart mit einem direkten Gestaltungswillen. Die Vereine tragen mit den Mitteln, die sie investieren, zur kulturellen Vielfalt bei und dienen durch die Identifikation mit den Zielen der Kultureinrichtungen als Multiplikatoren.

 

Der Dachverband der Kulturfördervereine (DAKU) hat zum Status der Vereine im März 2019 eine aussagekräftige Studie veröffentlicht. Demnach gibt es in Deutschland 10.115 Kulturfördervereine und Freundeskreise im Kulturbereich. Sie sind ein wichtiger Eckpfeiler der Kulturförderung und nehmen gesellschaftliche Verantwortung wahr. In Baden-Württemberg sind 1.974 Kulturfördervereine aktiv. Das entspricht einem Verhältnis von 18 Vereinen je 100.000 Einwohner. Die meisten Fördervereine (86 Prozent) werden ausschließlich durch ehrenamtliches Engagement getragen. Ihre Mitglieder sind in der Regel Erwachsene in der Erwerbsphase und ältere Personen, die sich nicht mehr im aktiven Berufsleben befinden. Viele der größeren Kulturfördervereine verfügen über junge Mitgliedsorganisationen.

 

Ihre finanzielle Basis erarbeiten sich die Fördervereine in der Regel durch Mitgliedsbeträge und Spenden sowie über die Durchführung eigener Veranstaltungen. Zusätzlich erhält jeder zweite Förderverein kommunale Zuschüsse.5

Die aktuelle Herausforderung besteht darin, auch junge Menschen zu erreichen und die oft homogenen Gruppen, die sich in einem engen gesellschaftlichen Zusammenhang bewegen, zu öffnen. Vor allem im Bereich der Kunstmuseen haben sich „Junge Freunde“ zusammengefunden, die die jüngeren Mitglieder organisieren und ihnen gemeinsame Aktivitäten, Begegnungsmöglichkeiten und Erfahrungsaustausche rund um die Bildende Kunst anbieten. 

Angesichts der demografischen Entwicklung, zunehmender beruflicher und privater Mobilität und knapper Zeitbudgets geraten Vereine, die auf ehrenamtlicher Basis arbeiten, unter Druck. Die Situation und die Entwicklungsmöglichkeiten der Fördervereine sollten deshalb intensiver diskutiert werden.

 

Eine höhere Wertschätzung und Zeichen der Anerkennung durch die Kulturinstitutionen dürften die Attraktivität der Fördervereine erhöhen. Die Vereine ihrerseits wünschen sich Unterstützung bei der Bewältigung bürokratischer Herausforderungen wie etwa die Beantragung und Verwaltung von Fördermitteln sowie bei der Professionalisierung ihrer Mitglieder durch Fortbildungen, Schulungen und zunehmend fachlichen Austausch.


Kultur und Wirtschaft

 

Die Zusammenarbeit zwischen Kultureinrichtungen und Wirtschaftsunternehmen hat sich in Deutschland seit den 1990er Jahren kontinuierlich entwickelt. Das unternehmerische Kultursponsoring ist mittlerweile eine gängige Finanzierungsmöglichkeit für Kultureinrichtungen sämtlicher Größenordnungen. Bei der Frage, wie Kultur und Wirtschaft über rein ökonomische Ziele hinaus zusammenarbeiten können, zeigt sich wechselseitig großes Interesse. Wirtschaftsunternehmen und Kultureinrichtungen entwickeln neue Formen der Zusammenarbeit. Gerade Baden-Württemberg ist reich an engagierten Persönlichkeiten aus Unternehmen, die Kunst und Kultur so selbstverständlich fördern, als gehöre diese zu ihrem Kerngeschäft. Oft ist die Motivation intrinsisch motiviert und geht über den sogenannten Imagetransfer weit hinaus. 

 

In „Artist in Residence“-Programmen werden Künstlerinnen und Künstler von Wirtschaftsunternehmen als innovative Impulsgeber gesehen, die in anderen Erfahrungszusammenhängen denken, Kreativität entwickeln, neue -ästhetische Sichtweisen mitbringen und so die Denk-weise von Unternehmen verändern. Diese profitieren in der globalisierten Arbeitswelt auch von interkulturellen Kompetenzen, die in Kultureinrichtungen zum Alltag gehören und dort vorgelebt werden. Kultureinrichtungen bieten Workshops, Führungen und gemeinsame Veranstaltungen zum Austausch von Sichtweisen im Kontext ihrer künstlerischen Arbeit.

Kultureinrichtungen und Wirtschaftsunternehmen verfügen über Schnittmengen hinsichtlich unternehmerischem Denken und Innovationskraft, hierüber ist ein vertiefter Austausch erwünscht. In den Diskussionen zeigte sich, dass hier das Prinzip der Augenhöhe von großer Relevanz ist: Es sollen keine inhaltlichen und finanziellen Abhängigkeiten von Wirtschaftsunternehmen entstehen. Weiterhin wurde für mehr Mut für gemeinsame Projekte plädiert. Die Herausforderung liegt darin, die passenden Partner ausfindig zu machen und zu vernetzen.


Dritte Orte

 

Hilmar Hoffmanns Postulat „Kultur für alle“ 6 hat in den 1970er Jahre den Weg für ein neues Kulturverständnis geebnet. „Kultur für alle“ war ein Signal des Aufbruchs. Es entstanden neue Kulturorte wie Kommunale Kinos, soziokulturelle Zentren, Bürgerhäuser, Stadtteilbibliotheken, und am Schauspiel Frankfurt wurde ein Mitbestimmungsmodell erprobt. Die Einsicht, dass die Teilhabe breiterer Bevölkerungsgruppen an kulturellen Prozessen für eine positive gesellschaftliche Entwicklung eminent wichtig ist, ist mittlerweile Allgemeingut.

 

Heute, nach Jahrzehnten, in denen sich die kulturelle Infrastruktur nachhaltig entwickelt hat, gibt es eine Bewegung, die neue Kulturorte entwickeln will oder bereits bestehende Einrichtungen verändern möchte, um auf diese Weise Plattformen zu schaffen, die Teilhabe ermöglichen und kommunikative Prozesse anstoßen. 

 

Der Begriff der Dritten Orte geht auf ein Werk des US-amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg zurück, der in seinem 1989 veröffentlichtem Werk „The Great Good Place“7 erstmals das dem Begriff zugrundeliegende Konzept erläuterte. Nach seiner Definition zeichnen sich Dritte Orte durch einen freien Zugang aus. Dazu kommt eine hohe Aufenthaltsqualität. Der Ort muss gut erreichbar sein, und es gibt die Möglichkeit, auf Getränke und Speisen zuzugreifen. Ein möglichst niederschwelliger Zugang in einem hierarchiefreien Rahmen, der ein Miteinander von Gelegenheitsbesuchern und regelmäßigen Gästen ermöglicht, ist ebenso Voraussetzung wie eine freiwillige, nicht dienstliche Anwesenheit von möglichen Besucherinnen und Besuchern. Neben den Orten Zuhause und Arbeitsplatz entstehen so für die Öffentlichkeit neue Orte. Und an denen sollen sich möglichst viele Akteurinnen und Akteure der Gesellschaft ungezwungen und ohne weitere Vorgaben austauschen können. 

Dieses Konzept wurde in Deutschland in den zurückliegenden Jahren vorwiegend von öffentlichen Bibliotheken aufgegriffen, da in den bestehenden Räumen einige der oben beschriebenen Voraussetzungen bereits vorliegen. Mit ihrem Programm „hochdrei – Stadtbibliotheken verändern“ 8 will die Kulturstiftung des Bundes die Bibliotheken als kooperationsfreudige und teilhabeorientierte Orte stärken. Das Programm will Raum schaffen für unkonventionelle Ideen und kreative Formate, die es den Stadtbibliotheken auf Dauer ermöglichen, sich als offene Orte der Begegnung zu etablieren. Mit der Stadtbibliothek Mannheim und dem Württembergischen Landesmuseum Stuttgart gibt es aktuell Beispiele für öffentliche Institutionen, die sich auf den Weg begeben haben, künftig auch als Dritte Orte zu agieren. Auch das im Rahmen des ressortübergreifenden Projekts „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ initiierte Förderprogramm „FreiRäume“, mit dem die Nutzung von Leerständen durch Kunst und Kultur vor allem in ländlichen Räumen unterstützt wird, bietet neue Möglichkeiten der Begegnung. 

 

In der Diskussion wurden die Herausforderungen deutlich, die die Transformation einer Einrichtung hin zu einem Dritten Ort mit sich bringen; sie liegen nicht nur in der finanziellen Dimension. Bevor Einrichtungen ein Verständnis für neue Modelle der räumlichen Öffnung bei den Trägern einfordern, müsse innerhalb der eigenen Institution der Perspektivwechsel gelingen. Dabei sollten auch kritische Stimmen gehört werden, etwa Hinweise auf die Gefährdung der Kernaufgabe. Zudem wurde der Wunsch laut, dem Thema Dritte Orte von Seiten der Kulturverwaltung und Politik, aber auch innerhalb der Einrichtungen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Noch gibt es Erklärungsbedarf, auch begrifflichen. Freie Eintritte in Museen des Landes könnten gemäß einer jüngst vom Land in Auftrag gegebenen Studie dazu beitragen, dass vor allem mehr junge Menschen die Sammlungen besuchen. Dies könnte in der Folge dazu führen, dass diese vermehrt mit Menschen außerhalb ihres üblichen sozialen und professionellen Umfelds in Kontakt und ins Gespräch kommen.9


Heimat und Identität

 

„Kulturpolitik“ kann „auch aufgeklärte und aufklärende Heimatpolitik sein“, so heißt es in der Erklärung der Kulturpolitischen Gesellschaft zum Kongress „Kultur.macht.Heimaten“, „um als ‚konkrete Utopie‘ und in ‚realer Demokratie begründet‘ in der Welt (Heimat) entstehen zu lassen (…).“ 10 

 

Der Begriff „Heimat“, oft lediglich als Ort verstanden, hat über die Jahrhunderte hinweg mehrfach einen Bedeutungswandel erfahren. Heute steht er neben der lokalen Verortung in einem kulturellen und sozialen Zusammenhang. Heimat wird also nicht länger als Kulisse verstanden, sondern als Lebenszusammenhang, als Element aktiver Auseinandersetzung.11 In den urbanen Zentren wird aktuell vor dem Hintergrund der Gentrifizierung von ganzen Stadtteilen der Verlust von Heimat beklagt. In ländlichen Räumen entsteht durch die massive Abwanderung von Teilen der Bevölkerung für viele Menschen ebenfalls das Gefühl des Verlusts von Heimat. 

 

Kultureinrichtungen waren und sind schon immer auch Heimatorte gewesen, wenn es ihnen gelungen ist, für eine bestimmte Haltung, für bestimmte Werte zu stehen, und wenn sie es schaffen, diese auch verlässlich in ihren Programmen abzubilden. Hier bietet sich Kultureinrichtungen aktuell die Chance, mit Projekten und Produktionen auf gesellschaftspolitischen Handlungsfeldern zu agieren, die sich dezidiert damit befassen, wie Heimat in einer aufgeklärten Gesellschaft auch verstanden werden kann: als Begriff einer aufgeklärten Utopie, die mehr zulässt als verhindert, die Grenzen ausweitet und nicht längst veraltete Strickmuster wiederbelebt. Neue Bündnisse entstehen sowohl in urbanen Zentren wie auch in ländlichen Räume an den Schnittstellen von Kulturpflege, Tradition und aufgeklärtem emanzipatorischen Denken.


Ausblick

 

Die Diskussionen im „Forum: Neue gesellschaftliche Bündnisse“ haben deutlich gemacht, dass es bereits eine Vielzahl von Kooperationen zwischen Kultureinrichtungen und Zivilgesellschaft gibt, die auf einer guten Basis stehen. Durch diese Verbindungen wird letztlich neues soziales Kapital in der Gesellschaft geschaffen. Kulturinstitutionen haben sich geöffnet, und es gibt sie: Menschen, die mitgestalten wollen. 

 

Die Rolle der Kultureinrichtungen, die ihr verbrieftes Recht der Kunstfreiheit in einer Demokratie wahrnehmen können, ist anhand von zunehmend mit Leben gefüllten Begrifflichkeiten wie Teilhabe, Dritte Orte, zivilgesellschaftliches Engagement und Kooperationen deutlich geworden. Die Nutzung dieses Instrumentariums und die Öffnung hin zu Einrichtungen, die als gesellschaftspolitische Seismographen dienen, ist Voraussetzung für ihre Bedeutung. 

 

Die künftige gesellschaftliche Relevanz der Einrichtungen wird nicht zuletzt davon abhängen, wie Bevölkerungsgruppen integriert werden, die bisher unterrepräsentiert sind. Wie kann es gelingen, mehr junge Menschen, die als „digital natives“ groß geworden sind, für kulturelle Programme zu interessieren und ihnen zu signalisieren, dass ihre Kenntnisse und ihr Wissen erwünscht sind? In diesem Kontext spielen sicher vermehrte und vertiefte Kooperationen von Kultureinrichtungen mit Schulen, Kindertagesstätten und Jugendfreizeiteinrichtungen, aber auch mit Sportvereinen und Vereinen der Amateurkultur wie Musikvereinen, Theatergruppen und Chören eine richtungsweisende Rolle. Die Zusammenarbeit mit Migrantenvereinen und Migrantenorganisationen kann helfen, für Menschen mit Migrationshintergrund Angebote zu schaffen, die als selbstverständlicher Teil des Programms wahrgenommen werden. Unter anderem damit beschäftigt sich das „Forum: Strategien der Transformation“.

 

Einen wichtigen Beitrag zur Demokratie und zum -gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten Kultureinrichtungen, wenn ihr Angebot nicht als Distinktionsmerkmal zur Abgrenzung dient, sondern inklusiven Charakter hat und die Besuchergruppen einen größtmöglichen Querschnitt der Gesellschaft darstellen. 

Der Dirigent Sir Simon Rattle und der Choreograf -Royston Maldoom haben mit ihrem Projekt „Rhythm Is It!“, bei dem 250 Kinder und Jugendliche aus sogenannten Berliner Problemschulen gemeinsam mit den Berliner Symphonikern Igor Strawinskys Ballett „Le sacre du printemps“ aufführten, schon 2003 -gezeigt, dass sich soziale Verantwortung und künstlerische Exzellenz nicht ausschließen müssen.


[1] Schneidewind, Uwe: Die Große Transformation. Eine Einführung in die Kunst des gesellschaftlichen Wandels, 2. Auflage, Frankfurt am Main 2018, S. 460.


[2] Vgl. Terkessidis, Mark: Interkultur, Berlin 2010, S.142.


[3] Klein, Armin: Der exzellente Kulturbetrieb, 3. Auflage, Wiesbaden 2011, S. 56.


[4] Vgl. Göschel, Albrecht: Die Ungleichzeitigkeit der Kultur. Wandel des Kulturbegriffs in vier Generationen, Stuttgart 1991.


[5] Vgl. Jullien, Francois: Es gibt keine kulturelle Identität. Wir verteidigen die Ressourcen einer Kultur. Aus dem Französischen übersetzt von Erwin Landrichter, Berlin 2017.


[6] Vgl. Bauer, Thomas: Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt, 12. Auflage, Stuttgart 2018, S. 41.


[7] Vgl. Welzer, Harald: Alles könnte anders sein. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen, Frankfurt am Main 2019, S. 74ff.


[8] Blume, Lorenz/Gerstlberger, Wolfgang: Determinanten betrieblicher Innovation. Partizipation von Beschäftigten als vernachlässigter ­Einflussfaktor. 2007. In: Industrielle Beziehungen: Zeitschrift für Arbeit, Organisation und Management, 14(3), S. 223–244.


[9] Vgl. Spuhler, Peter: Wir müssen die Gebäude öffnen … In: Die Deutsche Bühne. Das Magazin für Schauspiel, Tanz und Musiktheater, Ausgabe 01/2020.


[10] Vgl. Mandel, Birgit: „Niedrigschwellige“ Kulturvermittlung öffentlicher Kulturinstitutionen als integrales Konzept zwischen Kunstmissionierung und Moderation kultureller Beteiligungsprozesse, 2014. ­→ www.kubi-online.de


[11] Vgl. Allmanritter, Vera: Menschen mit Migrationshintergrund als Kulturpublikum. Der aktuelle Forschungsstand in Deutschland sowie ­Anregungen zur weiteren Beschäftigung, 2014. → www.kubi-online.de


[12] Vgl. Wegner, Nora: Im Dialog mit Besuchern und Nichtbesuchern – ausgewählte Formen der Evaluation und Besucherforschung. In: Föhl, Patrick S./ Glogner-Pilz, Patrick/Lutz, Markus/Pröbstle, Yvonne (Hrsg.): Nach­haltige Entwicklung in Kulturmanagement und Kulturpolitik. Ausgewählte Grundlagen und strategische Perspektiven. Wiesbaden 2011.


[13] Vgl. Allmannritter, Vera: Vortrag im Rahmen der Veranstaltung des „Forums: Strategien der Transformation“ am 23. Januar 2019 in der Staatsgalerie Stuttgart.


[14] Popp, Reinhold: Vortrag im Rahmen der Veranstaltung des „Forums: Strategien der Transformation“ am 23. Januar 2019 in der Staatsgalerie Stuttgart.


[15] Vgl. De Perrot, Anne-Catherine/Wodiunig, Tina: Evaluieren in der Kultur. Warum, was, wann und wie? Ein Leitfaden für die Evaluation von kultu­rellen Projekten, Programmen, Strategien und Institutionen. Hrsg. von Migros-Kulturproduzent und Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, 3. Auflage, Zürich 2014.


[16] Vgl. De Perrot, Anne-Catherine und Wodiunig, Tina: Evaluieren in der Kultur. A.a.O., S. 9.


[17] Vgl. Klein, Armin: Der exzellente Kulturbetrieb, 3. Auflage, Wiesbaden 2011, S. 114.


[18] Vgl. Klein, Armin: Der exzellente Kulturbetrieb, S. 114ff.


[19] Terkessidis, Mark: Kollaborationen. 2. Auflage, Berlin 2018, S.229–233.