Kunst und Kultur in ländlichen Räumen | Vom Eigensinn der Landkultur

Vom Eigensinn der Landkultur

Judith Bildhauer

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Kunst und Kultur in ländlichen Räumen: Warum dieses Thema? Gibt es einen eigenen Begriff von Kunst, von Kultur in ländlichen Räumen, der sich von dem in urbanen Räumen unterscheidet? 

Nein! Es gibt in ländlichen Räumen – der Plural verweist auf die Vielgestaltigkeit der ländlich geprägten Regionen in Baden-Württemberg – ein Kunst- und Kulturangebot, das sich in der qualitativen Bewertung nach Form und Inhalt, nach Werk- und Rezeptionsgeschichte sowie nach Professionalisierungsgrad der Institutionen mit den üblichen Maßstäben der Kunstbewertung diskutieren lässt. Es gibt in ländlichen Räumen Schauspiel, Ausstellungen, Konzerte, Filmkunst, Festivals aller Art. Das wichtigste Festival und Forum der zeitgenössischen Musik wird in Donaueschingen veranstaltet. Architektonisch eigenwillige Neubauten wie das Kunstmuseum Ravensburg, die Tauber-Philharmonie Weikersheim, das charmant sanierte und erweiterte Theater Lindenhof oder die Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall sind auch im städtischen Maßstab konkurrenzfähig und überregional beachtet. Hinzu kommt die europaweit einmalige Landschaft der literarischen Museen und Gedenkstätten1, die die Spuren von Schiller, Hölderlin, Mörike, Hesse, Jünger in zeitgemäßer Form verfolgen. So bleiben die auf heute baden-württembergischem Gebiet geborenen Philosophen, Literaten, Künstler und Musiker wie Hegel, Schelling, Horkheimer, Heidegger oder Schlemmer an ihren Geburts- und Wohnorten präsent. Zu ergänzen sind die vielen Baudenkmäler, Schlösser und Klöster, die oft kulturell genutzt werden, wie zum Beispiel die Landesakademie Ochsenhausen 2, die Internationale Musikschulakademie Schloss Kapfenburg in Lauchheim 3 oder das Schloss Untergröningen im Kochertal, in dem der Kunstverein KISS ambitioniert kuratierte Kunstausstellungen mit internationalen und regional prägenden Künstlerinnen und Künstlern präsentiert.4 Freilichtmuseen zeigen das architektonische Erbe, die Lebensweise auf dem Land in den vergangenen Jahrhunderten und verbinden diese Pflege mit aktuellen Fragestellungen.5 Die Unvollständigkeit dieser Beschreibung sei entschuldigt.

Ja! Kunst und Kultur in ländlichen Räumen können auch anders sein als in der Stadt. Hier wird gemeinsam musiziert, gesungen, Theater gespielt und Kuchen verkauft. Hier werden Traditionen lebendig gehalten, regionale Besonderheiten bewahrt und in Heimatmuseen gezeigt. Hier stehen jedes Jahr rund 18.500 Mitglieder der Amateurtheater auf der Bühne, um 1,3 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer mit bürgernahen und gesellschaftsrelevanten Inszenierungen zu begeistern.6 Hier sind 400.000 Musizierende und Singende in rund 6.500 Vereinen und 12.000 Ensembles der Amateurmusik aktiv 7 – und das auf sehr hohem Niveau. Kunst und Kultur zum Anfassen, als Anlass, sich zu treffen und zu feiern, um Gemeinschaft zu erleben und um gemeinschaftlich das Zusammen-leben freundlicher zu gestalten. Weniger repräsentativ, dafür selbst gemacht, frisch auf den Tisch – und mit dem Anspruch, nächstes Jahr noch besser zu werden.


Veränderungen gestalten

 

Die Zeit steht auch in ländlichen Räumen nicht still. Die gesellschaftlichen Veränderungen – Globalisierung, Digitalisierung, demografischer Wandel und demnach weniger und andere Menschen mit vielfältigen kulturellen Prägungen, neue Anforderungen im Arbeitsleben und in modernen Lebenszusammenhängen, die Zentralisierung von Dienstleistungen im Handel und in der Gesundheit, ein nicht ausreichender öffentlicher Nahverkehr – prägen das Leben in ländlichen Räumen.

Im Vergleich zu anderen Bundesländern verfügt Baden-Württemberg über eine starke dezentrale Struktur und „geringe räumliche Disparitäten“ 8. Der Landesentwicklungsplan Baden-Württemberg führt vier verschiedene Raumkategorien ein, um die Verflechtungen und Abhängigkeiten zwischen städtischen und ländlichen Regionen zu beschreiben und eine differenzierte Betrachtung anzuregen. Als Heimat der sogenannten „Hidden Champions“ und vieler mittelständischer Unternehmen sind die kommunale Steuerkraft und das Innovationspotenzial vielerorts sehr hoch. Dies ermöglicht Investitionen in eine zukunftsfähige Infrastruktur, die auch die Bereiche Kultur, Bildung, Digitalisierung, Umwelt und Soziales einschließt und Basis für weiteres Wachstum und Lebensqualität ist. Demgegenüber haben strukturschwache und periphere Regionen nur wenig Möglichkeiten, sich zu einem attraktiven Lebens- und Wirtschaftsstandort zu entwickeln.

Die leitende Fragestellung im Dialog war daher, welche Voraussetzungen Kunst und Kultur benötigen, um Traditionen zu bewahren, zeitgemäß zu gestalten und auch neue Formen wachsen zu lassen. Im „Forum: Kunst und Kultur in ländlichen Räumen“ diskutierten mehr als 200 Personen, wie das Kulturangebot in Baden-Württemberg in seiner Vielfalt, Qualität und Dezentralität erhalten und an neuen Anforderungen und Möglichkeiten ausgerichtet werden kann.


Kultur als Motor der Regionalentwicklung

 

Ländliche Räume sind nicht mehr nur Bild für Heimat und Geborgenheit, Freiräume und Weite, sondern auch für die Auswirkungen und Herausforderungen des demografischen Wandels und Gefühle des „Abgehängtseins“. Die politische Diskussion zur Zukunft ländlicher Räume befasst sich daher schwerpunktmäßig mit Strategien zur Sicherung der Daseinsvorsorge und der Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse – unter anderem durch die Einrichtung der Regierungskommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse“ auf Bundesebene 9 und durch eine Reihe von Förderprogrammen, Investitionshilfen und Modellprojekten, die seitens Land, Bund und EU bereitgestellt werden. 

Das EU-Förderprogramm „Leader“ 10 ist beispielsweise schon seit 1991 ein wichtiges Instrument der Regionalentwicklung für Kommunen in ländlichen Räumen. Über die Vergabe von Fördermitteln, die durch das Land oder die Kommune kofinanziert werden, entscheidet ein aus Bürgerinnen und Bürgern besetztes Gremium. Auch für künstlerische Projekte können solche Anträge gestellt werden.

Für nachhaltige Veränderungsprozesse der Kulturarbeit in ländlichen Räumen hat sich insbesondere das Programm „Trafo − Modelle für Kultur im Wandel“ 11 der Kulturstiftung des Bundes stark gemacht. In mehreren Modellregionen werden gemeinsam mit den zuständigen Landesministerien und Kommunen Prozesse auf den Weg gebracht, bei denen es um die gemeinsame Verantwortung für die regionale Kulturentwicklung geht. Im Fokus stehen Kultureinrichtungen, die ihre Arbeitsweisen weiterentwickeln und sich mit ihren Angeboten gezielt an Menschen in ländlichen Räumen richten und ihre Themen danach wählen.


Starkes Engagement für die Kultur

 

Das Kulturangebot in Baden-Württemberg ist weit über die im Landesentwicklungsplan definierten Raumschaften verteilt. Neben professionellen Kultureinrichtungen, die per Auftrag oder aus ihrem Selbstverständnis heraus in ihr Umland hineinwirken, ist das private Engagement ein prägendes Merkmal für Kunst und Kultur in ländlichen Räumen.

Obwohl oder gerade weil die Kulturarbeit in ländlichen Räumen wenig institutionalisiert und auf die persönliche Eigeninitiative und Verantwortungsbereitschaft angewiesen ist, ist das Bewusstsein für den Wert von Kunst und Kultur stark ausgeprägt. Vereinsleben, Bräuche, Feste und Gemeinschaftsgefühl sind für die Menschen in Baden-Württemberg von großer Bedeutung. Fast jede zweite Person engagiert sich in einem Ehrenamt oder freiwillig ohne Amt. Für den ländlichen Raum wies der Freiwilligensurvey 2014 sogar eine Engagementquote von 52,6 Prozent aus.12 Damit liegt Baden-Württemberg deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt. Auch die Anzahl an Stiftungen und Unternehmen, die sich als Mäzene im Kunst- und Kulturbereich engagieren, ist in keinem anderen Bundesland so hoch.13

Die sogenannte Provinz war noch nie eine rein geografische, sondern stets auch eine geistige Kategorie. So bieten ländliche Regionen Schutz- und Freiräume, zwingen Menschen aber auch dazu, selbst die große Welt ins Dorf zu holen, Neues auszuprobieren und zu erfinden, notwendige Veränderungen anzustoßen und Experimente zu wagen. Die Aufmerksamkeit und Wirkmächtigkeit des eigenen Tuns ist enorm und muss sich nicht im Dschungel der Angebote in Metropolen behaupten. So hat etwa die soziokulturelle Bewegung starke Wurzeln in der sogenannten Provinz. Auch die Jugendhausbewegung und zahlreiche freie und alternative Kulturgründungen der 1970er und -80er Jahre fanden in ländlichen Räumen statt. Die angeblich im urbanen Kontext erfundenen Bürgerbühnen – ein aktueller Trend im städtischen Theaterkosmos – gibt es im Amateur- und Bürgertheater längst, und zwar auf einem künstlerisch sehr hohen Niveau. Ihr besonderer Wert zeigt sich in der Bearbeitung historischer und lokaler gesellschaftlicher Themen oder in der Aufführung von Werken der Weltliteratur, die in den ländlichen Kosmos zurückgebunden werden.14


Besondere Qualitäten von Kunst und Kultur

 

Kunst und Kultur in ländlichen Räumen können durch ihren künstlerischen Wert und einen eigenen Blick auf die Welt überzeugen. Sie stiften Heimat und Identität, wenn sie es verstehen, mit der Zeit zu gehen, den Wandel offen und dennoch kritisch zu gestalten sowie den hohen Grad an Teilhabe und Mitgestaltung der Bürgerinnen und Bürger zu erhalten. 

Wichtig für eine zeitgemäße Ausrichtung und dezentrale Verfügbarkeit von Kunst und Kultur sind Kultureinrichtungen, Akteurinnen und Akteure,

 

  • die ihre Arbeit abseits der Metropolen ernst nehmen und sich als Anlaufstelle und Gesprächspartner in der Region verankern,
  • die sich mit gesellschaftlichen Gruppen vor Ort vernetzen und Bezüge zur Lebenswelt ihrer Besucherinnen und Besucher herstellen, 
  • die sich als Plattform für künstlerische und kulturelle Potenziale vor Ort verstehen,
  • die alternative Zugänge, Beteiligungsformate und Möglichkeiten der Begegnung und des Austauschs entwickeln,
  • die mit ihrem Programm, ihren Zielgruppen und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die gesellschaftliche Vielfalt abbilden,
  • die traditionelle Kulturformen weiterentwickeln, internationale Themen aufnehmen und neue Rezeptionserfahrungen ermöglichen.

 

Damit Kultureinrichtungen, Akteurinnen und Akteure qualitative Angebote und Formate entwickeln können, sind sie auf gute Rahmenbedingungen angewiesen: 

 

  • eine angemessene Infrastruktur für Produzen-tinnen und Produzenten, Besucherinnen und Besucher,
  • eine verlässliche Finanzierung und die Möglichkeit, erfolgreiche Ansätze weiterzuführen,
  • ausreichende personelle, räumliche und finanzielle Kapazitäten und Kompetenzen, um neue Ideen und innovative Ansätze auszuprobieren und Aufgaben der Vermittlung und kulturellen Bildung wahrzunehmen, 
  • Möglichkeiten zur Qualifizierung oder zum Austausch von Erfahrungswissen und Erfolgsmodellen durch spartenübergreifende, interinstitutionelle, intergenerative und interkulturelle Kooperationen beziehungsweise durch Partnerschaften zwischen Land und Stadt,
  • professionelle Vernetzung von Akteurinnen und Akteuren aus verschiedenen Zusammenhängen wie Kunst, Kultur, Vereinen, Verwaltung, Bildung, (Kreativ-)Wirtschaft und Tourismus zur regionalen Kulturentwicklung.

 


Kulturorte der Zukunft schaffen

 

Adäquate und attraktive Veranstaltungsorte steigern die positive Wahrnehmung und Qualität des Kulturangebots in ländlichen Räumen. Um die Begeisterung für Kunst und Kultur auch in kleineren Städten und Gemeinden stark zu halten, ist es wichtig, werthaltige Räume mit guter Atmosphäre bereitzustellen. Dazu gehört auch, dass kulturelle Orte gut erreichbar und zugänglich sind, sich zentrale und dezentrale Angebote ergänzen sowie die Möglichkeiten der Digitalisierung gezielt eingesetzt und genutzt werden. 

Kunst und Kultur brauchen feste Orte, von denen aus sie ihre Wirkung entfalten können. Dabei ist es ratsam, lokale Identitäts- und Erinnerungsorte mit „Bedeutungsüberschuss“ – wie etwa historische Gebäude, aufgegebene Kirchen oder Literatur- und Gedenkstätten – durch neue Konzepte zu erhalten, statt neue Funktionsorte zu schaffen. Es ist sinnvoll, Kulturentwicklung als interkommunalen Prozess zu verstehen und interkommunale Schwerpunkte zu vereinbaren: Statt der Finanzierung einer Mehrzweckhalle, die die verschiedenen funktionalen, sozialen und ästhetischen Bedarfe nur ansatzweise erfüllen kann, könnte gezielt in ein adäquates Kultur- und Veranstaltungsgebäude an einem Ort und andernorts in ein neuwertiges Sportzentrum investiert werden.

Darüber hinaus können Orte durch die visionäre Ausdruckskraft von Kunst und Kultur aufgewertet und für neue Ideen erschlossen werden. Durch künstlerische und soziokulturelle Prozesse können Impulse gesetzt werden, um leerstehende Gebäude sowie Dorf- und Stadtzentren wiederzubeleben und identitätsstiftende Orte zu reaktivieren. Solche Prozesse gelingen vor allem dort, wo Kunst und Kultur als Teil der Regionalentwicklung anerkannt und auch konzeptuell eingebunden werden. 

Eine Chance liegt auch in der gemeinsamen Nutzung von bestehenden Räumlichkeiten oder der Öffnung von Kultureinrichtungen für andere Anbieter, Besucher und Besucherinnen. In Anlehnung an das Konzept des US-amerikanischen Stadtsoziologen Ray Oldenburg tragen insbesondere solche gemeinschaftlichen Dritten Orte 15, wo Menschen frei von wirtschaftlichen oder sozialen Zwängen Zeit verbringen oder miteinander teilen können, zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei. Dies liegt mitunter daran, dass eine vielfältige und lebendige Nutzung dazu führt, dass sich Menschen und Inhalte begegnen, die sonst keine Berührungspunkte haben. Gerade für öffentliche Bibliotheken oder Kinos, die mit aktuellen Veränderungen der Mediennutzung umgehen müssen, ergeben sich durch die Übernahme weiterer soziokultureller Funktionen neue Perspektiven.


Kulturelle Anker für die Regionen

 

Viele Kultureinrichtungen verstehen sich als kulturelle Ankerpunkte in ihrer Region. Sie engagieren sich über Gemeindegrenzen hinweg, indem sie Kulturträger im Umland durch ihre Expertise unterstützen oder ihre Angebote in die Fläche tragen. Solche regionalen Verpflichtungen gelingen meist auf der Basis von Verantwortungsgemeinschaften der Einrichtungen und ihrer Träger sowie der Gemeinden, Landkreise und dem Land, wie es beispielsweise bei der gemeinsamen Finanzierung der drei Landestheater der Fall ist.16

Hauptamtlich geführte Museen, Theater, Musik- und Kunstschulen oder Bibliotheken finden sich vor allem in größeren Gemeinden und Städten. Hinzu kommen regional agierende Kulturträger wie Freilichtmuseen und Landesbühnen, Festspiele und Orchester. Auch die soziokulturellen Zentren und kommunalen Kinos sind regional gut verankert. Dies liegt mitunter an ihren abwechslungsreichen Programmen und verschiedenen Möglichkeiten der Teilhabe. Wichtige Bezugspunkte sind zudem die vielen ehrenamtlich geführten Einrichtungen wie kleinere Heimatmuseen, Archive, Literaturorte und Bibliotheken. Sie stehen vor der Aufgabe, die lokale Öffentlichkeit durch neue Angebote und Konzepte anzusprechen und zu binden. Nicht zuletzt sind die vielen Musikvereine und Chöre, Heimat- und Trachtenvereine, Amateurtheatergruppen sowie Kunst- und Kulturvereine wichtige Träger des kulturellen Lebens in ländlichen Räumen, die neben ihrer kulturellen Arbeit auch soziale Aufgaben vor Ort übernehmen.


Zukunftsfähigkeit des Ehrenamts

 

Der Begriff des Ehrenamts ist missverständlich und streitbar. Die einen verstehen darunter das vermeintlich „alte“, in Vereinen und festen Organisationen -geregelte Engagement – die anderen das „neue“, frei flottierende, auf Angebot und Nachfrage reagierende Engagement der Freiwilligenagenturen. Um diese Zuschreibungen zu überwinden, wird der Begriff des Ehrenamts durch den des bürgerschaftlichen Engagements ersetzt. Damit wird deutlich, dass Engagement vielgestaltig sein kann: Es kann in Vereinen oder Initiativen stattfinden, es kann die Spende von Zeit oder von Geld bedeuten, es kann zeitlich befristet oder auf Dauer erfolgen und vieles andere mehr.

Das Ehrenamt ist als Form der gesellschaftlichen Teilhabe von besonderer Bedeutung. Als freiwilliges und bürgerschaftliches Engagement stiftet es Gemeinschaft, ermöglicht persönliche und fachliche Entwicklung und stärkt das Gefühl der Selbstwirksamkeit. Insbesondere in ländlichen Räumen ersetzt und gestaltet es als selbstorganisierte Bürgerkultur wichtige Strukturen der Daseinsvorsorge vor Ort. Darüber hinaus ist das Ehrenamt ein wesent-licher Motor des kulturellen Lebens in ländlichen Räumen. 

Durch verdichtete Lebens- und Arbeitsformen sowie veränderte Interessen der Bevölkerung sinkt jedoch die allgemeine Bereitschaft, sich für ein Amt zu verpflichten oder in festen Strukturen zu engagieren. Entsprechend groß sind die Schwierigkeiten, für diese Form des bürgerschaftlichen Engagements eine junge Generation zu gewinnen. Auch mit Blick auf das steigende Durchschnittsalter ist es notwendig, das Ehrenamt für neue Ideen und Formen des Engagements zu öffnen und für eine jüngere und diverse Zielgruppe attraktiv zu machen.

Um dem Ehrenamt in Baden-Württemberg eine Perspektive zu bieten, sollten Vorschriften vereinfacht und Unterstützungsleistungen ausgebaut werden. Erst kürzlich hat der Normenkontrollrat Baden-Württemberg einen Empfehlungsbericht herausgegeben, in dem die bürokratischen Belastungen für Vereine und Ehrenamt untersucht und Bereiche für mögliche Entlastungen definiert werden.17 Darüber hinaus ist eine bessere Wertschätzungs- und Anerkennungskultur nötig. Bürgerschaftliches Engagement sollte intrinsisch motiviert sein, darf aber auch im künstlerischen und kulturellen Bereich nicht als günstige Alternative zur Übernahme freiwilliger Aufgaben missbraucht werden. Neben der Gewährung von Ehrenamtspauschalen sollten ehrenamtliche Leistungen beispielsweise bei der Beantragung von Fördermitteln als Eigenmittel anrechenbar sein. Zudem braucht es weitere hauptamtliche Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner, die ehrenamtliche Akteurinnen und Akteure unterstützen: bei Fragen zum Datenschutz und zum Veranstaltungsrecht oder bei der Beantragung von Fördermitteln.

Das Ehrenamt braucht umfassendes Fachwissen, das nur durch strukturierte Ausbildungs- und Fortbildungsangebote aufgebaut werden kann. Ein Beispiel sind die Bildungs- und Serviceangebote, die unter dem Arbeitstitel „Kompetenznetzwerk Amateurmusik“ durch zehn Mitgliedsverbände im Landesmusikverband Baden-Württemberg konzipiert wurden und eine zukunftsorientierte, qualitätsvolle Amateur-musik unterstützen sollen.18 Auch weitere Qualifizierungsmodule der Landesverbände sowie externer Expertinnen und Experten können zur Motivation und Kompetenz der ehrenamtlichen Akteurinnen und Akteure beitragen. Nicht zuletzt können sie auch beruflich oder für Familienaufgaben von Nutzen sein.

Ebenso sollte es seitens der Kommunen eine möglichst unbürokratische Unterstützung für die Eigeninitiative von Bürgerinnen und Bürgern sowie regionaler Schlüsselpersonen und „Raumpioniere“ 19 geben. Durch spezielle Angebote und Programme könnten vor allem Kinder, Jugendliche, Seniorinnen und Senioren für ein Ehrenamt begeistert und zur Übernahme von Verantwortung motiviert werden.


Gute Rahmenbedingungen gewährleisten

 

Kulturakteurinnen und -akteure sind auf gute Arbeits- und Rahmenbedingungen angewiesen. Die Stärkung der Kulturarbeit in ländlichen Räumen gelingt daher nur, wenn die Voraussetzungen in allen relevanten Bereichen gegeben sind: von einer ausreichenden Verkehrsanbindung und Breitbandversorgung über qualitative Bildungsangebote und Arbeitsplätze bis hin zu einem sozialen Milieu, in dem sich Kultur frei entwickeln kann. Die Verantwortung auf Landesebene liegt daher bei mehreren Ministerien; Querschnittsaufgaben müssen ressortübergreifend bearbeitet werden.

Auch auf Ebene der Gemeinden und Landkreise sind Verantwortungsgemeinschaften und interkommunale Kooperationen notwendig, um gemeinsame Maßnahmen und regionale Kulturentwicklungsprozesse auf den Weg zu bringen. Zahlreiche Städte und Regionen sowie einzelne Länder haben bereits damit begonnen, kulturpolitische Strategien im Austausch mit vielfältigen Akteurinnen und Akteuren zu erarbeiten und regelmäßig fortzuschreiben, um die Potenziale vor Ort zu erschließen. Auch der „Dialog | Kulturpolitik für die Zukunft“ hat verdeutlicht, welche Chancen in einem spartenübergreifenden Beteiligungsprozess liegen. Ein gemeinsames Bekenntnis für die Förderung von Kunst und Kultur sowie eine zugängliche und wertschätzende Haltung seitens Verwaltung und Politik ist für diese Form der Zusammenarbeit unerlässlich.

Darüber hinaus ist der Bedarf an professionellen Beratungs- und Vernetzungsstrukturen in ländlichen Regionen sehr hoch. Notwendig sind kompetente Ansprechpersonen in der Verwaltung, die die regionale Kulturentwicklung verantworten, Kulturakteurinnen und -akteure bei der Antragstellung und Abrechnung von Fördermitteln beraten sowie Veränderungsprozesse kultureller Einrichtungen und Vereine unterstützen. Als „Zwischenraummanager“20 agieren sie an der Schnittstelle zwischen Kultur, Politik und Verwaltung und vernetzen regionale Akteurinnen und Akteure. Auf interkommunaler Ebene dienen sie als beratende Fachstelle für kleinere Gemeinden und Städte, die kein offizielles Kulturamt haben. Auf diese Weise wirken sie auch in die kommunale Kulturpolitik hinein, die oftmals von der Überzeugungskraft örtlicher Entscheidungsträgerinnen und -träger abhängig und nicht zwingend konzeptionell durchdacht ist 21.


Den Dialog fortsetzen

 

Das „Forum: Kunst und Kultur in ländlichen Räumen“ hat in drei Veranstaltungen an verschiedenen Orten in Baden-Württemberg mehr als 200 Personen aus den Bereichen Kunst, Kultur, Politik, Verwaltung und Regionalentwicklung miteinander ins Gespräch gebracht. Sie alle haben sich mit ihren jeweiligen Kompetenzen und Erfahrungen sowie mit guten Hinweisen und Ideen eingebracht. Der Konsens, dass dieser Dialog – auf Ebene des Landes oder der Regionen, organisiert durch das Ministerium oder durch die Verbände und Kommunen – fortgeführt werden muss, ist groß. Dies ist aus zwei Gründen wichtig: Wenn Kunst und Kultur auch in Zukunft Relevanz haben sollen, müssen Ziele und Rahmenbedingungen gemeinsam über Zuständigkeiten hinweg erarbeitet und evaluiert werden. Es braucht starke Verantwortungsgemeinschaften auf und zwischen den verschiedenen Ebenen. Zum anderen können durch einen solchen Beteiligungs- und Austauschprozess auch die Themen integriert werden, die sich erst im weiteren Verlauf als wichtig herausstellen. 

Auch im „Forum: Kunst und Kultur in ländlichen Räumen“ konnten nicht alle wichtigen Aspekte diskutiert, bearbeitet oder berücksichtigt werden. Beispielsweise ist die Einbindung eines jungen und diversen Teilnehmerkreises nur ansatzweise gelungen und wird eine Aufgabe für zukünftige Prozesse sein. Ebenso wurden die Möglichkeiten, die sich durch die Digitalisierung für Angebote der Vermittlung und Teilhabe in ländlichen Räumen ergeben, kaum besprochen. Aus dem Wissen heraus, dass es in diesem Bereich sehr erfahrene Kulturträger und gute Beispiele gibt, sollte es hierzu weitere Gespräche geben. Themen und Aspekte, die im Rahmen des Forums nicht abschließend diskutiert werden konnten, können als Anstoß für nachfolgende Dialogformen, Vernetzung und Zusammenarbeit verstanden werden.


[1] Arbeitsstelle für literarische Museen, Marbach, und Literarische Gesellschaft, Karlsruhe.  → http://www.literaturland-bw.de (abgerufen 30.11.2019)


[2] Landesakademie Ochsenhausen. → https://www.landesakademie-ochsenhausen.de/de (abgerufen 16.12.2019)


[3] Stiftung Internationale Musikschulakademie Kulturzentrum Schloss Kapfenburg → https://www.schloss-kapfenburg.de (abgerufen 30.11.2019)


[4] Kunstverein KISS – Kunst im Schloss Untergröningen. → https://www.kiss-untergroeningen.de (Abgerufen 30.11.2019)


[5] Arbeitsgemeinschaft der regionalen ländlichen Freilichtmuseen in Baden-Württemberg. → http://www.landmuseen.de (abgerufen 30.11.2019)


[6] Vgl. Landesverband Amateurtheater. → http://amateurtheater-bw.de/index.php/de/das-sind-wir.html (abgerufen 16.12.2019)


[7] Vgl. Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg. → https://mwk.baden-wuerttemberg.de/de/kunst-kultur/kultursparten/musik/amateurmusik/ (abgerufen 16.12.2019)


[8] Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg (Hrsg.): Landesentwicklungsplan 2002 Baden-Württemberg, Stuttgart 2002, S. 9.


[9] Vgl. Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat BMI. → https://www.bmi.bund.de/DE/themen/heimat-integration/gleichwertige-lebensverhaeltnisse/gleichwertige-lebensverhaeltnisse-node.html (abgerufen 01.11.2019)


[10] Vgl. Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg. → http://www.leader-bw.de/pb/,Lde/Startseite (abgerufen 03.11.2019)


[11] Projekteure bakv gUG (haftungsbeschränkt) – Büro für angewandte Kultur und Vermittlung. → https://www.trafo-programm.de (abgerufen 03.11.2019)


[12] Vgl. Staatsministerium Baden-Württemberg: Die wesentlichen Ergebnisse des Deutschen Freiwilligensurveys (2014) des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA) für Baden-Württemberg.
​​https://www.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/dateien/PDF/160705_Anlage_2_zu_PM_074_Freiwilligensurvey_2014_-_Die_wesentlichen_Ergebnisse.pdf (abgerufen 17.12.2019)


[13] Vgl. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. → https://www.landeskunde-baden-wuerttemberg.de/gesellschaft_be.html (abgerufen 03.11.2019)


[14] Bspw. Produktionen „Pausa – Ein Stück Geschichte. Von Franz Xaver Ott.“ und „Ein Dorfspiel. Von Franz Xaver Ott.“ → https://www.theater-lindenhof.de (abgerufen 30.11.2019)


[15] Vgl. Oldenburg, Ray: The Great Good Place, New York 1991.


[16] Vgl. Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg. → https://mwk.baden-wuerttemberg.de/de/kunst-kultur/kultursparten/theater/landesbuehnen/ (abgerufen 30.11.2019)


[17] Vgl. Normenkontrollrat Baden-Württemberg: Entbürokratisierung bei Vereinen und Ehrenamt, Stuttgart 2019.


[18] Vgl. Landesmusikverband Baden-Württemberg → https://www.landesmusikverband-bw.de/cms/iwebs/default.aspx?mmid=8559&smid=48947 (abgerufen 16.12.2019)


[19] Vgl. Willisch, Andreas: In Gesellschaft des Umbruchs. In: Faber, Kerstin/Oswalt, Philipp (Hrsg.): Raumpioniere in Ländlichen Regionen. Neue Wege der Daseinsvorsorge, Leipzig 2013, S. 57-70.


[20] Vgl. Föhl, Patrick S.: Kulturentwicklung in ländlichen Räumen – Planen, vernetzen und transformieren. Vortrag am 05.12.2019 in Singen. (Beitrag in dieser Dokumentation auf S. 148–153)


[21] Götzky, Doreen: Kulturpolitik in ländlichen Räumen. Eine Untersuchung von Akteuren, Strategien und Diskursen am Beispiel des Landes Niedersachsen, Hildesheim 2012, S. 276f. → http://d-nb.info/1036425487/34 (abgerufen 01.11.2019)