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„Kulturschaffende verstehen sich als aktiven Teil der Gesellschaft“

Petra Olschowski

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Petra Olschowski blickt im Gespräch mit Julia Lutzeyer, freie Journalistin und Redakteurin der Publikation und Website, auf den „Dialog | Kulturpolitik für die Zukunft“ zurück und gibt einen Ausblick, wie es nun weitergeht.

Frau Olschowski, mit welchen Anliegen haben Sie den kulturpolitischen Dialog gestartet? 

Zunächst einmal ging es mir und dem Team darum, herauszufinden, welche Themen die Kulturschaffenden und die Kulturszene aktuell und in den nächsten Jahren beschäftigen – über alle Sparten hinweg. Ausgangspunkt war die Frage, was sich seit der Konzeption „Kultur 2020“ verändert hat: Welche neuen Herausforderungen stellen sich? Wie können Politik, Verwaltung, aber auch die Kulturschaffenden Veränderung gestalten? Und dann ging es mir auch darum, dass wir diesen Wandel, den viele in der Produktion von Kunst und Kultur ebenso beobachten wie das Publikum, nicht nur behaupten, sondern genauer analysieren und daraus Handlungsfelder ableiten. Wichtig war mir zudem, die Beteiligten in einen intensiven Austausch zu bringen, also ein Gemeinsamkeitsgefühl herzustellen. 

 

Hat das funktioniert?

Absolut. Dass das eine so konstruktive Dynamik auslösen würde, hat uns positiv überrascht. Der Dialog hat unsere Erwartungen übertroffen. Vielleicht war die Zeit überreif: Engagierte Kulturmenschen aus allen Bereichen sind aufeinandergetroffen, die Hierarchieebenen wurden aufgelöst, eine neue Generation hat etwa in den Beratungsteams Verantwortung übernommen, und so wurde ein Expertinnen- und Expertenwissen generiert und zusammengefügt, das enorme Qualität hat. 

 

Über die Foren wurden vier inhaltliche Themenfelder abgesteckt. Wie kam es zu dieser Auswahl? 

Es sind Themen, die wir in ersten Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Ministerium, mit unserer externen Beraterin Elke S. Sieber und ihrem Team, aber auch mit den Forenleiterinnen und Forenleitern herausgearbeitet haben. Dass die Digitalisierung alle umtreibt, war schnell klar. Auch die Frage nach der Kulturarbeit in den ländlichen Räumen beschäftigt uns seit längerem intensiv, auch aufgrund der Erfahrungen durch das Projekt „Trafo – Lernende Kulturregion Schwäbische Alb“. Dann wollten wir aber auch auf die inneren Strukturen der Einrichtungen und die gesellschaftliche Verortung der Kultureinrichtungen schauen. So ergaben sich die vier Foren. Die Themen haben wir dann im Prozess immer wieder ergänzt und präzisiert, immer auch im Spannungsfeld von Freiheit und Verantwortung gespiegelt.

 

Wie unterscheidet sich der „Dialog | Kulturpolitik für die Zukunft“ von dem 2009/10 erarbeiteten Vorläufer „Kultur 2020“? 

Die Erwartungen an Beteiligung sind heute viel höher. 2009/10 gab es zwar einige Facharbeitskreise im Ministerium – damals durchaus progressiv. Wir haben jetzt mit Forenleitung, Beratungskreisen, Gastreferenten und dem aktiv mitarbeitenden Publikum 1.250 Beteiligte gehabt – das ist eine ganz andere Größenordnung.

 

Wie lässt sich ein Dialogprozess mit so vielen Mitwirkenden überhaupt moderieren?

Wir haben mit Elke S. Sieber und den Forenleitern zusammen eine klar definierte Prozessstruktur entwickelt und professionelle Methoden in der Moderation sowohl bei großen wie kleinen Veranstaltungen angewandt – spezifisch für das jeweilige Setting. Oft mit gewagten Beteiligungsformaten, die aber alle – zu meiner eigenen Überraschung – sehr gut funktioniert haben. Zugleich waren wir offen für Unerwartetes und auch für unangenehme Fragen und Aussagen. 

 

Nochmal zurück zu „Kultur 2020“: Was war dieses Mal inhaltlich neu?

Wir haben Querschnittsthemen ausgewählt, sind also nicht wie damals von Institutionen und Spar-ten ausgegangen. Das hat uns sofort zu den Inhalten -geführt. Und darum ging es uns. Nicht zuletzt: Mit „Kultur 2020“ wurden Themen wie Kulturelle Bildung und Interkultur gesetzt. Seither ist in diesen Bereichen viel passiert. 2012 haben wir beispielsweise den schon angedachten „Innovationsfonds Kunst“ eingeführt und damit Impulse setzen können für innovative Kunst- und Kulturprojekte, für Kultur in ländlichen Räumen, für Kulturelle Bildung und für Interkultur. Aber gerade in diesem Bereich wollten wir jetzt weitergehen – und das ist uns mit der beschlossenen Einrichtung des Kompetenzzentrums Kulturelle Bildung und Vermittlung gelungen, das durch den Dialog-prozess inhaltlich vorbereitet wurde. Das Kompetenzzentrum wird eine feste institutionelle Basis für das Thema schaffen und trennt nicht mehr zwischen Kultur und Interkultur, sondern begreift beides als zusammenhängend.

 

Sie waren auf fast allen Veranstaltungen. Welche Eindrücke wirken nach?

Die große Offenheit im Gespräch miteinander. Die Energie, Kraft, das positive Miteinander. Das Engagement der Kulturschaffenden, ihre Expertise und ihre Bereitschaft, Verantwortung für unsere demokratische Gesellschaft zu übernehmen, und die Offenheit, Neues zu denken und zu wagen: Das ist ein großer Reichtum in diesem Land.

 

Kamen im Dialogprozess Diskussionsthemen auf, mit denen Sie nicht gerechnet hatten?

Oh ja! Jede Menge. Dass man, wenn man über Kultur in ländlichen Räumen spricht, auf einmal den öffentlichen Nahverkehr diskutiert, ist so ein Beispiel. Auch das große Interesse, Engagement und Wissen der jüngeren Diskussionsteilnehmerinnen und -teilnehmer hat mich überrascht und beeindruckt. Soll noch einer behaupten, die nächsten Generationen würden sich nicht für unsere Einrichtungen interessieren! Auch wenn sie in Teilen andere Interesse und Wünschen haben – zum Glück! – sind das keine getrennten Welten. Es gibt produktive und wichtige Anknüpfungspunkte. 

 

Und die wären?

Es zeigte sich, dass die junge Generation großes Interesse an den Angeboten und Programmen der Kunst- und Kultureinrichtungen hat, gerade auch an klassischen wie etwa an Theatern und Opernhäusern. Allerdings ist der Wunsch nach mehr aktiver Teilhabe und nach offeneren Strukturen groß. Ein weiterer Punkt ist das Thema Nachhaltigkeit – sicher auch beeinflusst von der Fridays-for-Future-Bewegung. Es hat sich gezeigt, dass wir die Themen Klimawandel und Nachhaltigkeit noch mal intensiver werden aufgreifen müssen. Am meisten überrascht hat mich aber, dass wir tatsächlich nicht nur über Geld geredet haben, sondern über inhaltliche und strukturelle Herausforderungen, die wir gemeinsam bewältigen wollen und können.

 

Einige Anregungen wurden schon während des Dialogprozesses aufgegriffen. Welche konkreten Maßnahmen haben Sie abgeleitet?

Es war mir wichtig, dass wir nicht nur reden, sondern schnell ins Handeln kommen. Daher bin ich sehr dankbar, dass es gemeinsam mit der Bundeskulturstiftung und den Landkreisen möglich war, dem Wunsch der Beteiligten nach Regionalmanagerinnen und Regionalmanagern Kultur im ländlichen Raum zu entsprechen. Um diese einzusetzen, wurden schon die Voraussetzungen geschaffen. Sechs Landkreise sind ausgewählt und haben mit dem Programm begonnen, von dem wir uns eine Verbesserung der ortsübergreifenden Kooperationen, eine Stärkung des Ehrenamts und eine bessere Vernetzung der Akteurinnen und Akteure versprechen. Das zweite Programm für die ländlichen Räume trägt den Titel „FreiRäume“. Damit fördern wir die kulturelle Nutzung von Leerständen oder ermöglichen die Stärkung von örtlichen Bibliotheken. Es geht also um die Dritten Orte, die jenseits von Privatleben und Beruf Begegnung und Austausch ermöglichen.

 

Und abgesehen von den ländlichen Räumen?

Im Rahmen des „Innovationsfonds Kunst“ wollen wir eine neue Förderlinie einrichten, die ausgewählte Transformationsprozesse von Institutionen finanziell über drei Jahre hinweg begleitet. Und wir haben das Förderprogramm „Digitale Wege ins Museum“ mit großer Kraft und beeindruckendem Erfolg vorangebracht – bis hin zu den 20 zusätzlichen festen Personalstellen, die wir von diesem Jahr an in unseren staatlichen Museen einrichten werden. Und wir richten schon jetzt das Kompetenzzentrum Kulturelle Bildung und Vermittlung ein – mein Herzensprojekt. Dass wir schon während des Dialogprozesses so erfolgreich sein würden – das hatte ich nicht zu hoffen gewagt.

 

Wie wollen Sie gewährleisten, dass weitere Resultate aus dem Dialogprozess handlungsleitend werden?

Die Ergebnisse sollen in den zuständigen Gremien des Landtags und im Plenum vorgestellt und diskutiert werden. Damit sind die Handlungsempfehlungen der Foren auch auf der politischen Ebene angekommen. Niemand wird sich davon grundsätzlich distanzieren können, zumal ein umfassender Beteiligungsprozess dahintersteht. Möglicherweise werden je nach kulturpolitischer Haltung aber andere Schwerpunkte in der Umsetzung gesetzt. Dieser Spielraum ist durchaus wichtig. Es leitet sich aber auch ein Auftrag für die Kunst- und Kulturschaffenden, für die Verbände und für die kommunale Ebene ab, die Ergebnisse in eigener Verantwortung umzusetzen und weiterzuentwickeln.

 

Welche Herausforderungen müssen aus Ihrer Sicht gemeistert werden, damit Kunst und Kultur in -Baden-Württemberg auch in Zukunft relevant sind? 

Kunst und Kultur in diesem Land müssen ausreichend finanziert sein – das bleibt eine zentrale Herausforderung, gerade wenn wir auch über Aspekte wie „Gute Arbeit“ oder Klimaschutz sprechen. Wir haben schon zu Beginn der Corona-Krise gesehen, wie prekär viele Kultureinrichtungen aufgestellt sind und viele Künstlerinnen und Künstler leben. Gleichzeitig muss es möglich sein, dass sich Schwerpunkte innerhalb von Institutionen bei gleichbleibendem Budget verschieben – zum Beispiel hin zu mehr Vermittlungsarbeit. Auch das fordert viel von den Beteiligten. Über den Aspekt von Geld und Struktur hinaus, wird die wichtigste Herausforderung darin bestehen, verstärkt ein diverses und junges Publikum aus den verschiedenen Gesellschaftsgruppen anzusprechen und dabei das klassische Kulturpublikum nicht zu verlieren. Das Angebot unserer Einrichtungen – egal welcher Größe und Art – muss in vielen Fällen diverser und vielfältiger werden, ebenso die Zusammensetzung der Teams. Das ist eine großartige Chance für uns alle. Doch das passiert nicht von selbst! Es gibt noch viel zu tun, auf allen Seiten.

 

Hat sich Ihr Blickwinkel im Dialog verschoben?

Interessant ist, dass viele Einrichtungen schon auf einem sehr guten Weg sind, ihre Angebote geöffnet haben und Konzepte zur Vermittlung ihrer Arbeit viel konsequenter mitdenken als früher. Manche allerdings halten an alten Modellen fest. Das ist übrigens ganz unabhängig von Größe und Einfluss. Mir ist deutlich geworden, dass die meisten Kulturschaffenden sich als aktiven Teil der Gesellschaft verstehen und nicht nur etwas zum guten Zusammenleben beitragen wollen, sondern auch vorausdenken. Das war durchaus nicht immer so. Es gab Zeiten, da hat sich die Kunst vor allem um die Kunst selbst gedreht. Heute muss man manchmal sogar daran erinnern, dass die Kunst auch einen Wert für sich hat und dass – bei allen anderen Fragen – das Ringen um hohe und höchste Qualität in der künstlerischen Arbeit nicht vernachlässigt werden darf.

 

Ihnen war wichtig, die Filmkonzeption in diese Dokumentation aufzunehmen. Warum?

Die Kreativwirtschaft des Landes wächst dynamisch, gerade in den Bereichen Visuelle Effekte, Animation, Virtual Reality und Spieleentwicklung. Parallel zum Kulturdialog haben wir in einem anderen Beteiligungsverfahren die bisher geltende Filmkonzeption auf den Prüfstand gestellt. Es war mir wichtig, dass zentrale Ergebnisse dieser Gespräche auch im Kontext des Kulturdialogs auftauchen, weil Film und Medien Kultur sind, es viele Schnittstellen mit den anderen Bereichen gibt und uns einige Fragen hier wie dort beschäftigen. 

 

Welche genau?

Zum Beispiel die Frage nach der Zukunft des Kinos als kulturellem Ort in den ländlichen Räumen oder die notwendige Aufwertung der Film- und Medienbildung parallel zur kulturellen Bildung. Gerade im Filmbereich hat sich das Verhalten des Publikums auffallend verändert. Nicht nur die jüngeren Zuschauer haben sich vom linearen Fernsehen verabschiedet und genießen die Unabhängigkeit von Zeit und Raum, um Filme oder Serien jederzeit und an fast jedem Ort sehen zu können – allein oder in Gruppen, die ganze Nacht hindurch oder in Etappen. Gerade diese Tendenz zur Singularität und zum schnellen An- und Ausschalten beeinflusst auch das Publikumsverhalten in anderen Sparten. 

 

Wird der „Dialog | Kulturpolitik für die Zukunft“ fortgesetzt und, wenn ja, in welcher Form?

Das haben sich die Beteiligten der Foren gewünscht: dass es weitergeht. Das ist sicher in dieser umfassenden Form nicht möglich und auch nicht immer nötig. Zu speziellen Themen aber werden wir das Gespräch weiterhin suchen und im Dialog bleiben, so wie ja schon beim #CooltourTalk mit Kulturakteurinnen und -akteuren zur Wiederöffnung der Kulturinstitutionen nach der coronabedingten Schließung geschehen. Darüber hinaus denke ich aktuell an Fragen zum Klimaschutz und zur Nachhaltigkeit. Auch die strukturelle Transformation der Einrichtungen wird weiteren Gesprächsbedarf mit sich bringen. Unbedingt intensivieren will ich den Kontakt mit Jugendlichen und Menschen der verschiedenen Kulturen, die nur punktuell vertreten waren. Ich ermuntere auch alle Beteiligten, die Impulse aus dem Dialogprozess aufzunehmen und die Vernetzung sowie den inhaltlichen Austausch in eigener Verantwortung fortzusetzen. Wenn das gelingt, wäre auch das ein überzeugendes Ergebnis.

 

Bitte ergänzen: 2030 stehen Kunst und Kultur in Baden-Württemberg für …

... Vielfalt, Toleranz, Offenheit, Empathie, für die ganze Breite der Gesellschaft und die ganze Tiefe menschlicher Erfahrungswelten. Vor allem aber stehen sie für Freiheit!

 

Vielen Dank für das Gespräch.